Berlin : Der Preis ist heiß

Förderverein benennt Auszeichnung nach Entführungsopfer Walter Linse. Stasi-Landesbeauftragter sieht den Namensgeber im Zwielicht

Sabine Beikler

Der Preis wurde noch kein einziges Mal vergeben, doch er verursacht schon Streit: Der Förderverein Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hat erstmals in diesem Jahr den mit 5000 Euro dotierten „Walter-Linse-Preis“ für Personen ausgelobt, die sich um die Aufarbeitung der SED-Diktatur verdient gemacht haben. Jetzt erhielt der Förderverein Post vom Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. In scharfem Ton fordert Martin Gutzeit den Verein auf, die Ausschreibung „umgehend zurückzunehmen“.

Gutzeit stößt sich an den Namensgeber des Preises: Walter Linse. In den frühen Zeiten des Kalten Kriegs war es eine der aufsehenerregendsten Entführungen in West-Berlin: Stasi-Kidnapper lauerten am 8. Juli 1952 dem 48-jährigen Rechtsanwalt Walter Linse vor seiner Wohnung in der Lichterfelder Gerichtstraße auf, schossen ihm ins Bein und verschleppten ihn nach Ost-Berlin ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Wenig später wurde er unter dem Vorwurf der Spionage in Moskau ermordet.

Linse war seit 1951 Abteilungsleiter im 1949 gegründeten Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UFJ) in West-Berlin. Er kämpfte gegen Enteignungen und Rechtsvergehen in Ostdeutschland und Ost-Berlin. Nach seiner Entführung protestierten 25 000 Berliner vor dem Rathaus Schöneberg. Auch der Bundestag trat zu einer Sondersitzung zusammen. Doch erst 44 Jahre später konnte der „Fall Linse“ aufgeklärt werden. Die Gerichtstraße in Lichterfelde heißt heute Walter-Linse-Straße.

Der Landesbeauftragte schreibt nun, Linse sei NSDAP-Mitglied gewesen und habe als „Arisierungsbeauftragter“ bei der Industrie- und Handelskammer Chemnitz gearbeitet. Einen Bericht des Magazins „Spiegel“ bestätigte Jörg Kürschner, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins, zumindest teilweise. „Er war kein Arisierungsbeauftragter, sondern als Sachbearbeiter in einem Referat tätig“, sagte Kürschner. In dieser Funktion habe Linse jüdischen Bürgern geholfen. Außerdem sei er „wie viele andere ein reines Parteimitglied“ gewesen. Kürschner hat weitere Nachforschungen über Linse in Auftrag gegeben. Der Preis werde nicht zurückgezogen. Der Landesbeauftragte Gutzeit war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sabine Beikler

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