Berlin : Der Prinz mit dem goldenen Herzen

Märchenhafte Stunde im Roten Rathaus: Der dänische Thronfolger ernannte sechs Prominente zu Botschaftern für das Hans-Christian-Andersen-Jahr

Elisabeth Binder

Das ist es. Ein schneeweißer Hosenanzug mitten im November. Schwanengleich, wie es sich für eine Prinzessin gehört, stieg Mary von Dänemark über den roten Teppich die Treppe zum Dienstzimmer des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit hinauf. Das rotbraune halblange Haar trug die gebürtige Australierin natürlich locker nach hinten gekämmt, am Revers eine schwarzweiße runde Brosche. Der dazugehörige Kronprinz Frederik lächelte betörend, und als später beim Empfang die Fotografen ihm den Rücken zukehrten, um noch bessere Aufnahmen von seiner schönen Frau zu erhaschen, da guckte er gar nicht genervt, sondern lächelte gleichzeitig verständnisvoll, stolz und verliebt.

Der dänische Kronprinz sieht „den Bedarf an großer Märchenerzählung in unseren Leben“ ganz klar. Die weltweite Feier für Hans Christian Andersen im kommenden Jahr sei nicht nur eine Ehrung des Autors, sondern auch eine gute Gelegenheit, ebendies zu zeigen, sagte der Kronprinz. Deshalb ernannte er sechs Prominente, „die alle Geschichtenerzähler auf ihrem eigenen Gebiet sind“: die Künstler Sasha Waltz, John Neumeier, Katja Riemann und Moderatorin Sandra Maischberger, die ein goldenes Paillettentop trug, bekamen aus der Hand der Prinzen einen großen Teller mit Motiven aus Andersens Märchen und das Logo des Jahres, ein kleines goldenes Herz zum Anstecken. Hans-Olaf Henkel, ebenfalls zum Botschafter ernannt, erklärte seine Qualifikation am Rande damit, dass er genug Märchenerzähler unter den Politikern kenne. Nina Hagen musste sich wegen einer schlimmen Grippe von ihrem Manager vertreten lassen. In Brasilien wirbt Fußball-Legende Pelé für den Dichter, in Großbritannien Roger Moore, in Tschechien Ex-Präsident Vaclav Havel und in den USA Harry Belafonte.

Der Protokollchef des Bundespräsidialamts, Martin Löer, genoss nach dem Staatsbesuch der Queen letzte Woche Entspannung royale. Das Prinzenpaar befand sich nämlich auf einem Privatbesuch in der Stadt, da gibt es kein großes Protokoll, und man darf sogar abends in die Paris Bar gehen. Der Zauber offenbarte sich in kleinen Gesten, zum Beispiel bei der Eintragung ins Goldene Buch der Stadt, als unter der gemessenen Prinzessinnen-Miene plötzlich unvermittelt ein übermütiges Lachen aufflackert.

Klaus Wowereit, der sich bei dieser Gelegenheit zu seinem Lieblingsmärchen vom kleinen Klaus und vom großen Klaus bekannte, erinnerte an die sieben Berlin-Besuche des dänischen Dichters, der hier schnell Anschluss an literarische Zirkel fand und im frühen 19. Jahrhundert so eine Art Superstar der Literatur in Deutschland wurde. Man wolle im kommenden Jahr den Dichter „mit einem Tritt aus der Kinderstube“ herausbefördern und das Werk in allen Facetten zeigen, sagte der Generalsekretär des Hans Christian Andersen Fonds, Lars Seeberg. Gitte Haenning war im Rahmenprogramm für Nina Hagen eingesprungen und sang schwedische Liebeslieder. Katja Riemann trug „Des Kaisers neue Kleider“ vor und unterstrich damit, wie nützlich die Andersen-Lektüre gerade im Erwachsenen-Alter werden kann. Am 2. April 2005 wird der 200. Geburtstag Andersens gefeiert. Die Direktorin der Berliner Märchentage, Silke Fischer, kündigte für das kommende Jahr schon lauter Andersen-Happenings an. Unter anderem wird eine Kutsche durch die Stadt fahren mit einer Verkörperung des Dichters, die Auskunft über sein Leben gibt. Auch einen Märchenball im Schloss Charlottenburg wird es geben. Spätestens dann muss das Kronprinzen-Paar aber bitte wiederkommen. Nichts bringt einen so sicher in Märchenstimmung wie der Anblick eines wunderschönen Prinzen, der am anderen Ende der Welt seine Prinzessin gefunden hat.

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