Berlin : Der Rauch von Freiheit und Abenteuer

Im Mauerpark nimmt man ein paar Gesetze recht locker. Polizisten ärgert das, der Bürgermeister hält die Beamten zur Zurückhaltung an

Werner van Bebber

Nachts lodern Lagerfeuer, gelegentlich dröhnen Trommeln und manchmal fliegen Bierflaschen durch die Luft. Ob auf den Mauerpark die Bezeichnung „Park“ noch anwendbar ist, steht dahin. Das Gelände im Bezirk Pankow wirk vor allem nachts eher wie das Lager einer trinkfrohen Subkultur. Offene Feuer sind im Mauerpark verboten, aber das macht den Lagerfeuerfreunden nichts aus. Die Leute, die sich hier treffen, kümmern sich wenig um die Vorschriften, die den Zweck haben, den Park in einem allgemein verträglichen Zustand zu halten. In den Sommernächten sind hier ein paar Gesetze außer Kraft gesetzt. Bezirksamt und Polizei haben sich damit abgefunden.

Oder abfinden müssen. So ist jedenfalls der Bericht eines Polizisten zu verstehen, der regelmäßig im Mauerpark zu tun hatte: „Unverständnis für die Maßnahmen, Pöbeleien, Beschimpfungen und Beleidigungen wurden, wenn man – in der Regel ohne die Erstattung von Anzeigen – um das Ablöschen des Grills, des Feuers, der Fackeln bat, ungeniert und im Konsens mit den anderen Parkbesuchern auf die einschreitenden Staatsdiener losgelassen“, berichtet er. Wenn die Polizei aufgrund von Anzeigen wegen Ruhestörung gegen die Partygesellschaft und ihre Feuer von erheblicher Höhe vorging, habe vor allem an den Wochenenden „zu erheblichen Zornesausbrüchen der dort Versammelten“ geführt, so der Polizist. „Die Bierflaschen, welche sonst in großer Anzahl dort zurückgelassen werden, konnten nun praktischerweise durch Werfen auf die eingesetzten Polizeikräfte und Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr zerkleinert werden.“ So weit, so schlecht. Dann verweist der Polizist in schönem Polizistendeutsch darauf, dass die Feuerstellen der Biertrinker „durch Holz genährt werden, welches vom benachbarten Industriegelände durch Diebstahl erlangt wird. Ferner ist im Mauerpark der Handel mit Betäubungsmitteln an der Tagesordnung – das Etablieren einer größeren Szene ist durch sporadische Polizeipräsenz möglicherweise bisher verhindert worden.“ Ironisch erklärt der Polizist, dass Einsätze im Mauerpark „kein Vergnügen“ seien – um mit gesteigerter Ironie darauf hinzuweisen, dass solcher Ärger im Beruf nun seltener werde: Die Polizei kümmere sich neuerdings nur noch dann um die nächtlichen Feuer, wenn die Feuerwehr entschiede, dass ein Feuer „eine Gefahr“ darstelle – wenn es so hoch lodert, dass Menschen und der Baumbestand des Parks gefährdet sind.

Von wegen Gesetz und Ordnung: Dass der Polizist solches Vorgehen für „untunlich“ hält, ist verständlich. Bezirksbürgermeister Burkhard Kleinert (PDS) sieht es anders. Deshalb ist es zu der erstaunlichen Absprache zwischen der Polizei und dem Bezirksamt gekommen, die ein Polizeisprecher bestätigt: Im Mauerpark ist die Schwelle polizeilichen Einschreitens bewusst deutlich über den Inhalt einiger Gesetze angehoben.

Burkhard Kleinert spricht allerdings nicht von einem „rechtsfreien Raum“. Er spricht davon, dass der Mauerpark im Sommer „magische Anziehungskraft“ auf junge Leute habe, „die Dinge tun, die mit der Ordnung nicht ohne weiteres vereinbar sind.“ Kleinert sagt auch, dass man offene Feuer dort „nicht dulden“ könne, relativiert aber deren Häufigkeit auf „hin und wieder stattfindende Trinkgelage“.

Offenbar ist die Atmosphäre im Mauerpark Geschmackssache – sofern man bei kleineren Gesetzesverstößen wegguckt. Offenbar gibt es viele Leute, die sich dort wohlfühlen, trotz des Mülls, trotz der anarchischen Missachtung von Grünanlagen-Gesetzen, trotz massenweiser Glasscherben. Bezirksbürgermeister Kleinert gibt zwar zu, dass die Polizei als Ordnungshüterin im Mauerpark „in einem gewissen Dilemma“ stecke. Doch hofft er, dass die Feuerproblematik im Juli an Hitze verliert, wenn der Bezirk „Grillplätze“ im Park ausgewiesen hat.

Ein ordnungspolitisches Problem will Kleinert im Mauerpark nicht sehen. Gut, es kämen eben „Jugendliche in großer Zahl“, man habe massenweise Müll wegen der hohen „Übernutzung“ des Parks, sagt er. Doch „was wollen Sie denn machen?“, fragt er. „Absperren und an jede Ecke einen berittenen Polizisten stellen?“ Dann sagt er den merkwürdigen Satz: „Öffentliche Anlagen sind zur öffentliche Nutzung bestimmt.“

Im Mauerpark kann sich allerdings nur eine exklusive Öffentlichkeit einigermaßen wohlfühlen. Der Polizist, der aus Sorge vor Ärger mit seinen Vorgesetzten seinen Namen verschweigt, sagt es so: „Wenn der Polizei in gewissen Bereichen befohlen wird, inkonsequent zu handeln, darf über den Verfall der Sitten nicht gejammert werden.“

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