Berlin : Der Regierende lässt dementieren, was andere gehört haben wollen (Kommentar)

Gerd Appenzeller

Hat Berlins Regierender Bürgermeister ein Problem mit der neuen Rolle Berlins im wiedervereinigten Deutschland? Übersieht Eberhard Diepgen, dass spätestens mit dem Umzug der Verfassungsorgane seine Funktion relativiert wurde? Oder erklärt sich manche flappsige Reaktion oder Verhaltensweise des politischen Routiniers damit, dass er den ehemaligen West-Alliierten nun mit kleinen Sticheleien zurückgibt, was die ihn in Zeiten ihrer Herrschaft über die Stadt haben leiden lassen? In der Umgebung Diepgens wird das eine als Fehlbeobachtung zurückgewiesen, das andere gar mit einem Heiterkeitsausbruch quittiert. Beides also typisch journalistische Kaffeesatzleserei?

Kann sein. Aber es gibt doch Indizien dafür, dass der Regierende Bürgermeister das Thema ernst nehmen sollte. Vor dem 9. November 1989 war dies die herausgehobene deutsche Position im Westteil Berlins, quasi das personifizierte Symbol für den Überlebenswillen der eingemauerten Stadt. Heute führen andere an der Spree Regie. Eberhard Diepgen aber inszeniert seine Auftritte gerne, als habe sich nichts geändert. Er kommt bei Veranstaltungen verspätet als letzter der Prominenten und lässt Ranghöhere, ausländische Gäste und die "elder Statesman" warten. Das ist nicht gut. Mehr, es schadet auch, so, wie die Kontroverse um das, was er bei der Eröffnung des 1000. McDonald-Restaurants zu US-Botschafter Kornblum gesagt hat oder gemeint hat, gesagt zu haben. Sein Sprecher dementiert den Vorgang, das Unternehmen bestätigt ihn hingegen. Der Korrespondent der "International Herald Tribune" beruft sich auf drei Zeugen. Kann es sein, dass John Kornblum erst einer Rede applaudierte, über die er sich anschliessend aufregte? Anwesende sagen das Gegenteil: Kornblum sei wie versteinert gewesen. Sicher, der Botschafter ist ein diplomatischer Fuchs, der das Spiel über die Bande perfekt beherrscht und die Zeit sicher nicht vergessen hat, in der er als US-Gesandter in Berlin die Richtung bestimmte - und eben nicht der Regierende Bürgermeister Diepgen. Aber dessen von ihm bestrittene ungeschickte Formulierung entspricht genau Stil und Art, in der Diepgen gerne Humor zeigt.

Der Gegenstand freilich, der Neubau der US-Botschaft am Pariser Platz, verträgt keine Scherze mehr. Und auf Spielchen um die protokollarische Hackordnung sollte sich Diepgen auch nicht einlassen - sie können seinem Ansehen auf Dauer nur schaden.

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