Berlin : Der Reifeprüfer

25 Jahre lang machte er aus Autofahrern Fußgänger Jetzt wird der Hüter der Führerscheine pensioniert

Thomas Loy

Es waren nicht viele, die in sein Dienstzimmer gekommen sind, um sich persönlich für eine Anordnung zu bedanken. Genau genommen war es in 25 Jahren nur einer. Der Mann hatte einen guten Grund. Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung zur Prüfung der Fahrtauglichkeit – früher nannte man das Idiotentest – ergab so nebenbei, dass er Krebs hatte. Die frühe Diagnose führte zu einer kompletten Heilung.

Lutz Rackow hat in Berlins Verwaltungsbürokratie einen der härtesten Posten. Es geht bei ihm nicht um Leben und Tod – viel schlimmer: ums Autofahrendürfen oder nicht. Als Chef der Fahrerlaubnisbehörde, der größten in Deutschland, hat Rackow fast täglich mit Menschen zu tun, die zum Fußgänger degradiert wurden und ihn dafür verantwortlich machen. Das Verhalten auf der Straße sei aggressiver geworden, die Beschimpfungen in den Amtsstuben unflätiger. Viele empfänden es als Behördenschikane, wenn ihre „charakterliche Eignung“ in Zweifel gezogen wird. „Dabei fragen wir nur: Wie halten Sie’s mit der Straßenverkehrsordnung?“ Zum Glück war der Amtsleiter mal Leistungssportler, erfolgreicher Handballer mit entsprechender Statur. Man nannte ihn „Rackow, die Wunderwaffe“. So einer wirkt ungemein blutdrucksenkend.

Nach 25 Jahren im Amt und 40 Jahren im Landesdienst geht Lutz Rackow jetzt in Pension. Im Sommer wird er 65. Es reicht, findet er. 180 Mitarbeiter bei Laune halten, widersprüchliche Gesetzesvorgaben interpretieren, Beschwerden und Anzeigen bearbeiten. 1600-mal im Jahr entzieht sein Amt jemandem den Führerschein. Nur 100 Fahruntüchtige geben ihn freiwillig ab.

Da gab es mal diesen Arzt, um die 80 Jahre alt, der als Hobby noch einige Patienten betreute, aber offenbar selbst schon angeschlagen war. Eine Nachbarin berichtete, sie habe gesehen, wie der Arzt in einer geräumigen Parklücke erst den vorderen Wagen rammte, dann den hinteren, sich den Schaden besah, mit dem Kopf wackelte, um dann mit einem Kickstart davonzubrausen. Der Arzt wurde zu einem Gespräch gebeten und der Führerschein eingezogen.

Das mit den älteren Autofahrern ist oft eine kitzlige Sache. „Da melden sich Angehörige und bitten, doch mal was zu unternehmen“, aber meistens mit dem Zusatz: „Von mir haben Sie es nicht!“ Wenn die betagten Fahrer dann auf dem Amt erscheinen, erzählen sie aus einem Leben voller automobiler Pioniertaten und natürlich ohne jeden Blechschaden. Oder sie geben sich brüskiert: „Mein Schwiegersohn will nur den Daimler haben.“

Eine der fantasievollsten Ausreden liegt 20 Jahre zurück: Ein Mann, der alkoholisiert erwischt worden war, reichte die Blaupause seiner angeblichen Erfindung ein: Ein Schlauch zum Reinpusten sei in der Weise mit dem Anlasser gekoppelt, dass bei einer „Fahne“ die Zündung versagt bleibe. Da er sein Auto mit einem Prototypen ausgestattet habe, könne er gar nicht betrunken gefahren sein.

Mit Prominenten hatte Rackow eigentlich selten Ärger. Die meisten fügen sich, lassen sich von einem Anwalt vertreten. Der Amtsleiter hat sogar ein wenig Mitleid mit den Stars aus Film und Politik. „Die haben das Pech, dass eine Trunkenheitsfahrt gleich in der Zeitung steht.“ Dann muss die Behörde handeln. Bei den Alkoholexzessen von Harald Juhnke gab es hingegen kein Problem. „Der hatte keinen Führerschein.“

Rackow selbst achtete immer penibel darauf, keinen Tropfen Alkohol zu trinken, wenn er mit dem Auto unterwegs war. Sein Vorgänger im Amt konnte sich nicht so gut beherrschen. Eine Boulevardzeitung breitete genüsslich aus, wie der Moralwächter des Straßenverkehrs mit Alkohol am Steuer erwischt worden war. Wenig später wurde eine gut dotierte Stelle frei, und Rackow griff zu.

Er hatte vorher mit Alkoholsündern zu tun gehabt, als Jurist bei der Polizei. In den 70er Jahren tranken die Beamten zur Pausenstulle gerne eine Flasche Bier, auch mal zwei, und fuhren dann weiter Streife. Wenn das rauskam, trat Rackow auf den Plan. Doch jetzt ist Schluss damit. Er will es genießen, von der Pflicht erlöst zu sein, Menschen das Autofahren zu verwehren.

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