Berlin : Der Reisebericht des Regierenden

Klaus Wowereit lässt sich die gute Laune trotz aller Kritik nicht verderben. Die PDS ist mit seiner Erklärung zufrieden, doch die FDP schimpft weiter

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Klaus Wowereit versteht die Aufregung nicht. „Ich lasse mir meine gute Laune nicht verderben“, sagte der Regierende Bürgermeister am Montagabend bei der Gala zugunsten der Berliner Aidshilfe. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um seine öffentlichen Auftritte (heller Anzug beim offiziellen Termin in Bangkok, knutschend mit Desiree Nick in der Deutschen Oper) versuchte er es mit der scherzhaften Tour. „Oh, ein heller Anzug“, sagte er zu Moderator Yared Dibaba, als er auf der Bühne an ihm vorbeiging. Und zu den Küssen mit der Entertainerin Desiree Nick meinte Wowereit: „So weit ist es schon gekommen: Früher hätte es einen Skandal gegeben, wenn ich einen Mann küsse. Heute ist es offenbar einer, wenn ich eine Frau küsse.“ Im Theater des Westens bekommt er dafür viel Applaus.

Verhaltenen Beifall hatte Wowereit zunächst in Koalitionskreisen erhalten. PDSLandeschef Stefan Liebich hatte am Wochenende gefordert, im Senat über die „Sinnhaftigkeit“ von Reisen zu sprechen. Nach Wowereits Bericht am Dienstag im Senat über das Zusammentreffen mit Vertretern der dortigen Siemens-Niederlassung sei er aber „zufrieden“ gewesen. „Damit verbunden sind möglicherweise auch Aufträge für das Berliner Siemens-Zentrum für Verkehrstechnik“, sagte Liebich. Dass die Rede Wowereits mit einem Exkurs über die Berliner Mauermahnmal-Debatte viele der 800 Konferenz-Teilnehmer als „deplatziert“ empfunden hatten, könne er nicht kommentieren. Nur so viel: „Die Sinnhaftigkeit einer Reise lässt sich nicht an der Qualität einer Rede messen.“

Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann hat dagegen ganz grundsätzlich am Regierenden etwas zu kritisieren: Das Land habe eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht für Sanierungshilfen vom Bund über 35 Milliarden Euro laufen, deshalb seien „unangemessene Auftritte von Wowereit kontraproduktiv“, sagte er. FDP-Fraktionschef Martin Lindner will Wowereits Auftreten in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses am Donnerstag ansprechen. Dabei gehe es ihm nicht um einen farblich unpassenden Anzug bei einer Reise, sagte Lindner, sondern um eine Kette von misslungenen öffentlichen Auftritten: Erst habe sich der Regierende Bürgermeister in einer Fernsehshow mit dem Moderator Götz Alsmann auf dem Boden gewälzt, so Lindner. Dann lasse er sich auf der Operngala für die Aids-Stiftung beim Küssen mit Desiree Nick fotografieren, verpasse aber am folgenden Morgen den Termin der Kranzniederlegung am Volkstrauertag. Lindner hält diese Serie für problematisch. Jedenfalls sei er in anderen Städten schon gefragt worden: „Was habt ihr denn für einen Clown als Bürgermeister?“ Nach der Diskussion im Senat wich Wowereit gestern den Fragen von Journalisten aus. Von wem man Auskünfte bekommen könne? „Von mir bestimmt nicht.“ Senatssprecher Michael Donnermeyer beschränkte sich auf die Information, dass die Senatskollegen mit dem Reisebericht Wowereits zufrieden gewesen seien. za/sib/oew/wvb.

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