Berlin : Der Reiz des Unfertigen

Die Filmstadt Berlin ist beliebt wie keine andere in Deutschland. Sie bietet interessante Drehorte und erfahrene Profis – aber auch Fördergelder

Matthias Oloew

Matt Damon hat seine Koffer gepackt. Nach 66 Drehtagen ist der US-Schauspieler und Oscar-Preisträger mitsamt dem Filmtross für die Dreharbeiten zu „Die Bourne Verschwörung (The Bourne Supremacy)“ nach Indien weitergezogen. Am 1. März hat Regisseur Paul Greengrass die Arbeiten in Berlin und Babelsberg beendet. In Indien werden Damon und Greengrass mit Franka Potente zusammenarbeiten. Die Berliner Schauspielerin war bei den Drehtagen in ihrer Heimatstadt nicht dabei.

„Es ist alles reibungslos gelaufen“, sagt Studio-Babelsberg-Sprecher Felix Neunzerling über die Dreharbeiten in Berlin. Er freut sich nicht nur über die anerkennenden Worte der Amerikaner, sondern auch darüber, „dass 85 Prozent der Berliner Crew aus Deutschland stammen“. Für Neunzerling bedeutet das: Die Filmstandort Berlin und mit ihm die Studios in Babelsberg haben mit der „Bourne Verschwörung“ noch einmal an Professionalität gewonnen. „Vor vier Jahren konnten wir nur 50 Prozent deutsche Mitarbeiter stellen.“ Damals drehte Jean-Jacques Annaud sein Epos „Enemy at the Gates“.

„Made in Berlin“ gilt nicht nur für diese beiden großen Produktionen, sondern auch für „In 80 Tagen um die Welt“. Für diesen Film gastierten Jackie Chan, Kathy Bates und Arnold Schwarzenegger (in seiner letzten Rolle vor dem Start seiner politischen Karriere) in Berlin und Brandenburg. Und das Studio Babelsberg, das auch diese Dreharbeiten federführend abwickelte, hat schon wieder einen Coup gelandet. Branchenkreise munkeln, die amerikanischen Paramount-Studios würden im Sommer in Babelsberg drehen lassen. Studio-Sprecher Neunzerling will das weder bestätigen noch dementieren.

Neben passenden Kulissen (bei den „80 Tagen“ diente der Gendarmenmarkt als London-Kulisse und das Schloss Charlottenburg gab die Pariser Tuilerien her) ist Berlin für Filmemacher vor allem aus finanziellen Gründen interessant. Auch Hollywood schaut bekanntlich auf jeden Dollar. Die Kosten in Berlin/Babelsberg sind deutlich niedriger als in anderen europäischen Studios oder den USA selbst. Außerdem spielt die Filmförderung von rund 16 Millionen Euro, die beide Bundesländer pro Jahr zur Verfügung stellen, eine Rolle. Selbst für Hollywood. „80 Tage“ zum Beispiel ist mit einer Million Euro aus verschiedenen Töpfen gefördert worden. Im Ergebnis haben die Filmemacher ein Vielfaches investiert, schließlich drehte die Crew von „80 Tage“ insgesamt 78 Tage in Berlin und Umgebung.

Fördergelder sind vor allem interessant für deutsche Filmemacher. Und auch für sie ist der Reiz der Filmstadt Berlin ungebrochen. Bei Themen wie „Rosenstraße“ oder „Herr Lehmann“ liegt es auf der Hand, in Berlin zu drehen, bei einer Produktion wie „Wir“ nicht unbedingt. Regisseur Martin Gypkens erzählt darin von einer Jugendclique, die vom Land in die große Stadt kommt. Und diese Stadt ist natürlich Berlin. Morgen startet in den Kinos ein weiterer kleiner Berlin-Film: „Kroko“. Im Mittelpunkt steht eine 16-jährige wasserstoffblonde Kiezbraut aus Wedding, die nach einem Autodiebstahl zum Sozialdienst in einer Behinderten-WG verurteilt wird.

Sigrid Herrenbrück, Sprecherin des Medienboard Berlin-Brandenburg, der die Fördergelder vergibt, erklärt sich die Attraktivität vor allem aber mit den Örtlichkeiten: „Die Stadt zeichnet aus, dass es immer wieder neue Motive gibt, die so noch keiner gesehen hat“, sagt sie, „in Berlin können immer neue Schätze gehoben werden.“ Diese Schätze sind auch für Felix Neunzerling vor allem die Stadtansichten: „Berlin hat alles: die moderne Stadt in Mitte, den Biedermeier, die beschädigte Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg…“ Es ist der Reiz des Unfertigen, der die Regisseure in die Stadt lockt.

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