Berlin : „Der Religionsunterricht wird nicht verdrängt“

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Herr Böger, können Sie mit dem Parteitagsbeschluss zum Werteunterricht leben, der nun als Pflichtfach eingerichtet werden muss, obwohl Sie anderer Meinung sind? Fühlen Sie sich nicht abgewatscht?

Nein. Das ist auch ein merkwürdiges Sprachbild: Die politische Auseinandersetzung ist doch kein Boxkampf! Und eine Minderheitsposition ist kein K.o.-Schlag. Die Bundes-SPD teilt außerdem meine Position. Auch mit dieser Mehrheitsentscheidung kann ich viel Richtiges an den Schulen schaffen.

Wird der verpflichtende Werteunterricht dazu führen, dass weniger Schüler den freiwilligen Religionsunterricht besuchen?

Nein. Der Religionsunterricht wird weiter angeboten und finanziert. Und bis zum 14. Lebensjahr entscheiden die Eltern über die Teilnahme. Im Übrigen: Ein neues Pflichtfach kann das Interesse der Kinder und Jugendlichen an Religion, Weltanschauungen und Wertediskussionen nur erhöhen. Deshalb teile ich die Befürchtungen der Kirchen nicht, dass ihr Unterrichtsangebot verdrängt wird.

Wann legen Sie einen Gesetzentwurf für den Werteunterricht vor?

Die Fraktionen wollen – so höre ich – das Gespräch mit den Religionsgemeinschaften suchen. Der Senat wird dann eine Kommission zur Ausgestaltung des Fachs einsetzen, auch unter Beteiligung von Kirchenvertretern. Zugleich müssen wir uns um die Fortbildung von Lehrern kümmern, die den Unterricht gestalten sollen. Das neue Fach kann frühestens im Schuljahr 2006/07 eingeführt werden.

In welchem Umfang soll der Werteunterricht angeboten werden?

Das Fach soll zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden. Ich denke, wir sollten mit der 7. Klassenstufe beginnen. In der Grundschule bleibt es beim bisherigen Modell; über das konkrete Wie und Wann werden wir noch beraten.

Die Islamische Föderation wird ihren Unterricht wie bisher anbieten können.

Ja, das ist die Rechtslage. Aber ich kann mit dem neuen Schulgesetz stärker auf die Qualität der Lehrkräfte achten. Wir brauchen qualifiziertes Lehrpersonal für Islamkunde. Nach meiner Auffassung sollen die Universitäten verpflichtet werden, Islamkunde-Lehrer auszubilden. Bei 60 000 muslimischen Schülern in Berlin ist dieser Schritt überfällig.

Die SPD hat sich auch für eine Gemeinschaftsschule bis Klasse 10 ausgesprochen. Jedenfalls in längerfristiger Perspektive.

In dieser Wahlperiode wird dieser Beschluss keine unmittelbaren Auswirkungen haben und meine Grundhaltung ist unverändert: Nach Pisa muss das Hauptgewicht der Reformen auf der Verbesserung der Unterrichtsqualität liegen. Das ist eine riesige Aufgabe, die Zeit braucht. Die schlichte Veränderung von Schulstrukturen, ohne die Rahmenbedingungen zu verändern, führt nicht weiter.

In Finnland sind Gemeinschaftsschulen ein Erfolgsmodell.

Ja, ich habe mir das finnische Modell mehrfach angeschaut. Die Gemeinschaftsschulen sind dort im gesellschaftlichen Konsens eingeführt worden. Die personelle Ausstattung ist gut und es gibt eine strenge Qualitätskontrolle. Auch die sozialen Probleme, der Migrantenanteil und die daraus resultierende geringe Heterogenität in den finnischen Schulen sind mit der Situation in Deutschland, vor allem in Berlin, nicht vergleichbar.

Was halten Sie vom Parteitagsbeschluss, das letzte Kitajahr kostenfrei zu stellen?

Viel! Das ist eine gute Richtungsentscheidung. Ich bin sehr dafür, alle Kinder zwischen viereinhalb und fünfeinhalb Jahren kostenlos zu betreuen. Für jene Kinder, die große Defizite haben, sollte diese Betreuung sogar verpflichtend sein. Um das festzustellen, brauchen wir eine regelmäßige Reihenuntersuchung aller Vierjährigen. Auch dafür hat sich die SPD ausgesprochen. Ich bin dabei, mit meiner Kollegin Knake-Werner die Bedingungen für die Reihenuntersuchung zu diskutieren.

Wann soll das kostenlose letzte Kitajahr eingeführt werden?

Die Koalitionsfraktionen müssen festlegen, ob es 2006 oder ein Jahr später eingeführt werden soll. Wir werden dann exakt ausrechnen, wie viel das kosten wird. Ich bin dafür, früher zu investieren anstatt später abgebrochene Schullaufbahnen teuer zu reparieren.

Was halten Sie von den SPD-Beschlüssen zur Bildungspolitik insgesamt?

Ich habe dem Leitantrag im Ganzen zugestimmt. Denn meine Partei hat mit ihren Beschlüssen signalisiert, dass sie die Bildungsreformen fortsetzen und auch mehr Geld für die Bildung zur Verfügung stellen will. Das gibt mir Rückenwind für die konkreten Verhandlungen.

Das Gespräch führten Susanne Vieth-Entus und Ulrich Zawatka-Gerlach.

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