Berlin : Der Retter der Rollstühle

Gerd-Olaf Hesse hilft ehrenamtlich bei Pannen – und wird vom Wettbewerb „Startsocial“ gefördert

Carola Padtberg

Notfall auf der Skalitzer Straße: Ein 42-jähriger Gehbehinderter fährt mit seinem Elektrorollstuhl über den Bürgersteig. Plötzlich bricht die Hinterachse des Gefährts – er sackt hilflos nach hinten, kann sich nicht bewegen. Der Patient hat einen Schock. Sanitäter bringen ihn ins Krankenhaus. Sein kaputter Rollstuhl bleibt zurück. Für Transport oder Reparatur ist keiner zuständig. Nur ein Berliner sorgt dafür, dass in solchen Fällen das lebenswichtige Gerät nicht von der Polizei abgeholt und verschrottet wird. Gerd-Olaf Hesse bringt den Rolli von Kreuzberg nach Lichterfelde und repariert ihn gratis.

Wenn Rollstuhlfahrer eine Panne haben, hilft Hesses Rollstuhlpannendienst (Telefon 01801/114747). Der Berliner ist mit seinen fünf Mitarbeitern rund um die Uhr in Bereitschaft. „Wir sind der ADAC für Rollstuhlfahrer“, erklärt der gelernte Aufzugsmonteur. „Auch nachts um drei reparieren wir Rollis auf der Straße.“ Weil Hesse das alles ehrenamtlich macht, ist er einer von hundert „Startsocial“-Stipendiaten von McKinsey, der ProSiebenSat1 Media AG und Siemens Business Services. Die Geförderten werden drei Monate lang von Profis der Unternehmensberatung unterstützt. Den bundesweiten Wettbewerb gibt es jetzt das dritte Mal in Folge, seit 2001 bewarben sich mehr als 2800 ehrenamtlich getragene Projekte. Denn freiwilligen Initiativen mangelt es meist nicht an Ideen, oft aber hapert es bei der Umsetzung. „Jeder Schreibkram ist mir ein Gräuel“, bestätigt Hesse. „Ich bin Handwerker, kein Büromensch.“ Seit aber der Mann von McKinsey jeden Sonntag vorbei kommt, sieht der Finanzplan schon besser aus. Als „Startsocial“ in die Friedrichshainer Auferstehungskirche zum Stipendiatentag lud, konnte Hesse nicht dabei sein – er hatte Rollstuhlpannendienst.

Dabei hätte ihm der Tag mit Arbeitskreisen und Vorträgen viel genützt. „Bild“-Redakteur Johannes Marten etwa erklärte den Geförderten, wie sie in die Boulevardpresse kommen: „Sprechen Sie uns an. Kinder und Tiere ziehen immer.“ Und Susanne Anger, Geschäftsführerin der Deutschen Fundraising Company, riet: „Bieten Sie ihren Geldgebern etwas. Niemand spendet uneigennützig.“ Es gab Lob und Anerkennung für unermüdlichen Einsatz, ein üppiges Buffet und viel Erfahrungsaustausch auf der Messe.

Zehn der elf Berliner Stipendiaten hörten, wie Michael Bürsch (SPD) die Helfer lobte. „Der Tag des Ehrenamtes ist nicht genug“, sagte der Bundestagsabgeordnete. „Wir brauchen mehr Anerkennung, weniger Bürokratie und bessere Versicherungen für Ehrenamtliche.“ Unter den anderen Berlinern mit helfenden Ideen ist auch Susanne Beukrowitz, die im Internet Seelsorge anbietet. Und Giesela Krüger, die bei „Second Hemd“ straffällige Frauen betreut, während diese in einer Kleiderwerkstatt ihre Strafe abarbeiten. Ebenso Steffen Engler von der „Villa Volunteer“ in Kreuzberg: Er begleitet Jugendliche von der Schulzeit ins Berufsleben. Und Maike Fethke organisiert „Geschenke der Hoffnung“ für Kinder in Not. Alle geförderten Projekte sollen auch bundesweit zu verwirklichen sein. Hesses Berater sagt deshalb, der Berliner solle bald in ganz Deutschland Rollstühle reparieren. Hesse ist von der Geschäftsidee noch nicht überzeugt. „Ich habe allein zwei Jahre gebraucht, bis ich Berlin abdecken konnte“, erzählt er. Außerdem müsste dann die AOK endlich mit ihm zusammen arbeiten. Die Krankenkasse ist die einzige, die Rollstuhlnotdienste nicht bezahlt.

Dann klingelt das Handy. Einer Kundin ist in Köpenick der Reifen geplatzt. Sie schafft es nicht nach Hause. Hesse fährt sofort los.

Am 17. Mai findet ein öffentlicher Startsocial-Tag von 18.30 bis 21 Uhr in den Räumen der Axel Springer AG, Axel-Springer-Strasse 65, 10888 Berlin, statt. Mehr im Internet unter www.startsocial.de.

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