Berlin : Der richtige Dreh

Berlin glänzt als Filmstandort nicht nur zur Berlinale – die Branche wächst schneller als anderswo

Henrik Mortsiefer

„Auf der Berlinale vertreten zu sein, ist wie ein Ritterschlag“, sagt der Regisseur Robert Thalheim. Und er hat es geschafft: Sein Film „Netto“ läuft auf dem Festival, das am kommenden Donnerstag in Berlin beginnt. Am 10. März kommt „Netto“ bundesweit in die Kinos. Der Film über den tragisch-komischen Wende-Verlierer Marcel, der von einer Karriere im Security-Geschäft träumt und von seinem Sohn auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, ist ein Berlin-Projekt: Ausgedacht, geschrieben und gedreht wurde „Netto“ an der Spree. „Hier liegen die Themen auf der Straße“, sagt Thalheim.

Dabei wollte der Berliner, der im dritten Jahr an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen studiert, eigentlich gar nicht für das große Kino produzieren. Mit einem Budget von nur „einigen 1000 Euro“ drehte Thalheim auf einer digitalen Videokamera 17 Tage lang, „um zu zeigen, dass man mit wenig Geld einen richtigen Film machen kann“. Dass das ZDF Interesse zeigte und später einstieg, um „Netto“ für die große Leinwand aufzubereiten, war eher ein Zufall.

Zufälle, die es am Filmstandort Berlin häufig gibt. In keiner anderen deutschen Stadt befinden sich Autoren, Kulissen, Regisseure und Produzenten so nah beieinander. Und nicht nur zu Berlinale-Zeiten erregt die Stadt die Aufmerksamkeit der internationalen Filmindustrie. „Der Standort ist kreativ und experimentierfreudig. Hier gibt es Dienstleister, leistungsfähige Studios, gute Locations und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, das alles garniert mit Glamour“, sagt Petra Müller, Geschäftsführerin für das Standortmarketing bei der Filmfördergesellschaft Medienboard. Die Branche hat sich zu einem besonders dynamischen Teil der Berliner Wirtschaft entwickelt. Das belegt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Danach sind die Umsätze der rund 500 filmwirtschaftlichen Unternehmen mit knapp 6500 Beschäftigten, ohne freie Mitarbeiter, in den vergangenen Jahren fast doppelt so schnell gewachsen wie im bundesweiten Durchschnitt. Insgesamt lag der zuletzt vor gut zwei Jahren erfasste Gesamtumsatz bei rund 965 Millionen Euro; das entspricht rund 13 Prozent der deutschen Branchenerlöse. „Anders als etwa in München gibt es in Berlin viele kleine und mittelgroße Firmen“, sagt Marco Mundelius vom DIW. „Aber sie zählen zu den wenigen Wirtschaftszweigen, die in Berlin noch wachsen.“

Wie in anderen Bundesländern hat die Filmförderung nachgeholfen. Auch im Berlinale-Programm finden sich elf Filme, die eine Medienboard-Förderung erhalten haben. Im vergangenen Jahr unterstützte der frühere Filmboard nach vorläufigen Angaben 200 Projekte mit mehr als zwanzig Millionen Euro. Seit 1994 waren es 1430 Projekte, die rund 171 Millionen Euro erhalten haben. Nicht nur der Film, auch die Stadt profitiert von diesen Geldern, weil sie weitere Ausgaben nach sich ziehen. So kamen etwa 477 Millionen Euro der Region zugute, weil Filmteams Hotels buchten, Cateringfirmen beschäftigten oder Logistik einkauften.

Dennoch machte sich Verunsicherung breit, als 2004 die Filmstudios Babelsberg verkauft wurden. Es drohte ein ruinöser Wettbewerb mit dem zweiten großen Film- und Fernsehstandort in Adlershof. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet: Es sei zu wünschen, „dass alle Studios in gegenseitiger Abstimmung eine gute Auslastung erreichen“, sagt Petra Müller von Medienboard. Babelsberg könne sich auf Kino und internationale Produktionen konzentrieren, Adlershof seine nationale Film- und TV-Expertise ausbauen.

Wann Hollywood wieder in der Region Station macht, steht indes noch nicht fest. Regisseure wie Robert Thalheim halten wenig davon, den großen Namen „hinterherzulaufen“. Der Filmstandort solle sich lieber darauf besinnen „was er kann und was er hat“. Mit „Netto“ gibt Thalheim ein gutes Beispiel.

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