Berlin : Der Salonlöwe

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Von Andreas Conrad

„Oh! Vincenza, Engel des Himmels, Seele meines Lebens, was hast Du aus mir gemacht – wo fände ich die Worte, um Dir den Zustand meiner Seele auszumalen?“ Ja, wo nur, durchlauchtigster Fürst Pückler? Zum Beispiel in Ihrer gesammelten Damenkorrespondenz, in der sich auch die „Conzepte alter Liebesbriefe“ finden. Gerne griffen Sie darauf zurück, warum auch sollte man ein erfolgreiches Billetdoux nicht wiederverwenden? Vorzugsweise, so lesen wir, bedienten Sie sich dann des Französischen, es schmeichele sich sanfter und beschwörender ins Ohr, da hatten Sie wohl Recht. Auch versteckten Sie Ihre amourösen Epistel gern in üppigen Blumensträußen, bei Bedarf ergänzt durch ein goldenes Ringlein als bewährter Schlüssel zum Herzen der Frau. Respekt, Durchlaucht, Respekt!

„Verheiratet hätte ich mit ihm nicht sein wollen, aber ansonsten hat er meinen größten Respekt.“ Bei aller Loyalität zur Familie – als Frau begegnet Elke Gräfin von Pückler dem berühmten Verwandten doch mit erheblicher Skepsis. Ein „Kind der Phantasie – beweglich wie ein Schmetterling“, so hat er sich beschrieben, doch an allzu vielen Blumen genascht, das gefällt nicht jeder. Oder hat er etwa nicht? War er durchaus kein der bloßen Sinnenfreude ergebener „Typ Don Juan“, sondern ein „sehr, sehr sensibler Mann, der sich den unterschiedlichen Frauentypen jeweils als ein anderer darstellte“, dies geradezu als eine Suche nach sich selbst begriff? Nicole Brey jedenfalls sieht ihn so, verweist auch darauf, dass viele der Briefliebschaften Papier blieben, galante Fingerübungen eines routinierten Kavaliers, als Gesellschaftsspiel gemeint und auch so aufgenommen. Sie muss es ja wissen, hat mit ihrem Mann die Ausstellung „Fürst Pückler und die Frauen“ entworfen, ist somit ausgewiesene Expertin für das erlauchte Liebesleben.

Erstmals wurde das Panorama der Pücklerschen Frauen 1999 in Bad Muskau gezeigt, einstmals Sitz des Fürsten, nunmehr einer ihm gewidmeten Stiftung. Später folgten Schloss Branitz in Cottbus, früher ebenfalls fürstliche Residenz, danach Düsseldorf. Nun ist Schloss Britz an der Reihe, die Ausstellung wurde überarbeitet, dabei lokalhistorisch ergänzt, etwa um die spätere Kaiserin Augusta, die mit Lennés Arbeit am Schlosspark Babelsberg nicht recht zufrieden war und daher Pückler einspannte. Auch zu Britz gibt es familiären Bezug: Die Urgroßmutter ihres Mannes stamme aus dem Schloss, berichtete die zur Ausstellungseröffnung aus München angereiste Gräfin von Pückler. Und zwei Gemälde, die ihre Familie beigesteuert hat und die Nichten des großen Frauenverehrers zeigen, wurden zuletzt 1936 zur Olympiade in Berlin gezeigt. Erst vor zwei Jahren, nach langer Odyssee, sind sie wieder aufgetaucht.

Sieben Frauen, nur eine kleine Auswahl aus der Pücklerschen Kollektion, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, Bezüge zu Berlin sind leicht zu finden. Vor der Konditorei Kranzler am Lindeneck war der Fürst einst in einer von vier Hirschen gezogenen Kutsche vorgefahren, wie eine um 1820 entstandene, in keiner Biografie fehlende Zeichnung zeigt. Auf der Berliner Opernbühne hatte er 1826 zum ersten Mal die Sängerin Henriette Sontag gesehen und seiner Frau Lucie, einer, nun ja, überaus verständnisvollen Person, vorgeschwärmt, sie würde eine „allerliebste Mätresse“ abgeben – ein Irrtum, wie sich später zeigte. Ebenfalls in Berlin, im Salon der Rahel Varnhagen von Ense, lernte der Fürst 1832 Bettina von Arnim kennen, die ihn bald zu ihrem Geliebten erklärte, in einer Reihe mit Goethe, Schinkel, Schleiermacher und anderen, eine Art Salonluder der Spätromantik, wenngleich Pückler den teilweise recht eindeutig erotischen Briefwechsel eher unter „Gehirnsinnlichkeiten“ verbuchte.

Manche n der Pücklerschen Frauen finden sich, direkt oder poetisch verschleiert, im Muskauer Schlosspark wieder. Denn so fleißig der flotte Hermann auch die Frauen betörte, die Gartenkunst war ihm mindestens genauso wichtig und die einvernehmliche Scheidung von seiner Lucie nur konsequent, hoffte er doch so in Ruhe eine neue Geldquelle für den Parkausbau suchen und ehelichen zu können. Fündig wurde er bedauerlicherweise nicht, seine Parklandschaft ist ihm auch so wohlgelungen.

Leider steht sie in Berlin immer ein wenig im Schatten von Schloss Branitz. Cord Panning, Geschäftsführer der Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“, hofft daher, dass die Britzer Frauenschau etliche Besucher auch in sein Gartenreich lenkt. Es hat sich dort viel getan, auf deutscher wie polnischer Seite. Eine Brücke verbindet bereits an historischem Ort das Westufer mit der Jeanetten-Insel, demnächst soll der Brückenschlag nach Osten mit einer zweiten vollendet werden, auf dass Parkbesucher die Gartenlandschaft ungehindert und ohne Grenzkontrollen genießen können. Die Zusammenarbeit von Deutschen und Polen schien auch der Europäischen Kulturstiftung preiswürdig, und so geht der Europäische Kulturpreis, der am kommenden Freitag im Schloss Bellevue vergeben wird, auch nach Muskau. Durchlaucht wären begeistert.

Schloss Britz, Alt-Britz 73, Bis 30. Juni, Di – Do 14 bis 18 Uhr, Fr 14 bis 20 Uhr, Sa/So und feiertags 11 bis 18 Uhr.

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