Berlin : Der Saubermann

Der „Qualitäter“ der BSR vergibt Zensuren für die Sauberkeit in Straßen. Wo nicht ordentlich gekehrt ist, hagelt es Dreien

Stefan Jacobs

Bis Mitte der neunziger Jahre funktionierte die Qualitätskontrolle bei der Straßenreinigung so: Ein Bürger beschwerte sich über den Dreck vor seiner Haustür bei der BSR. Dort ging der Chef zum Aktenschrank, prüfte den Reinigungsplan und sprach: „Kann gar nicht sein.“ Fertig.

Jetzt steigt Michael Smolinski in seinen orangeroten Polo mit der Aufschrift „Qualitäter“ und fährt in die Straßen, die ihm das neue Computerprogramm per Zufallssystem nennt. Morgens um sieben beginnt er seinen Dienst in der Tempelhofer Zentrale. „Wenn ich um fünf anfangen würde wie die Kollegen auf den Betriebshöfen, würde mich hier der Wachhund beißen“, sagt der 48-Jährige, der den unchristlich frühen Arbeitsbeginn seiner Kollegen als Mensch und als langjähriger Gewerkschafter skeptisch sieht.

Bisher zogen er und seine acht Mitarbeiter von der Qualitätssicherung mit dem Block durch die Straßen und vergaben Punkte für die Sauberkeit. Jetzt wird das System auf Taschencomputer umgestellt, die zu jedem Straßenabschnitt abfragen, wie viel Kleinkram, Laub, Unrat, Kippen, Hundehaufen und Sand oder Granulat herumliegen. Auch Wildwuchs wird erfasst, denn Grasbüschel & Co. verbergen zwar Tretminen, aber würden eines Tages den Gehweg erobern.

Smolinski ist zum Werner-Voß- Damm in Tempelhof gefahren und vergibt Zensuren. Der Papierkorb an der Ecke bekommt eine Zwei, weil er ein bisschen beschmiert, aber geleert und intakt ist. Der befestigte Teil des Gehweges schneidet vorbildlich ab, während das Grün vor den Gärten wegen des Laubs eine Drei bekommt. Der bewachsene Mittelstreifen erhält bei den Tretminen auch ohne genaue Untersuchung eine Eins. Was im Gras liegt, interessiert Smolinski nicht, sofern dort niemand lang gehen muss und nichts zu sehen ist. Auch an der östlichen Fahrbahn gibt es nichts zu meckern. Dafür kommt’s in der Gegenrichtung dicke: Für diverse Papierschnipsel („man sieht, dass hier ein typischer Schulweg ist“), Laubberge („das liegt an der Windrichtung“) und zwei Tüten voll Müll („in Siedlungsgebieten mit einer Tonne für jedes Haus passiert das öfter“) hagelt es Dreien. Dafür sind keine Notfälle wie abgestellte Autobatterien oder Nazi-Parolen auf Papierkörben in Sicht.

Einmal im Monat zieht Smolinski mit der ganzen Truppe los, damit seine Kollegen die Straßen gleich streng bewerten: Kontrolle ist gut, kontrollierte Kontrolle ist besser. Er selbst freut sich jedes Mal, wenn er rauskommt, denn in letzter Zeit sitzt er meist mit den Computerleuten zusammen, die die neue Technik installieren. „Manchmal komme ich mir auf dem Heimweg vor, als wäre ich den ganzen Tag in der chinesischen Botschaft gewesen“, sagt Smolinski über diese Tage. Aber es reizt ihn, der Betriebsblindheit für eine ernste Krankheit hält, das neue System zu perfektionieren. Er legt in erfahrungsgemäß schmutzigen Gegenden wie Neukölln und Kreuzberg dieselben Maßstäbe an wie im wenig problematischen Köpenick: Alle Berliner hätten Anspruch auf eine saubere Umgebung. Dass sie in manchen Ecken so schnell verdreckt, könne man nicht den Fegern vorwerfen. Und über die Anwohner regt sich Smolinski längst nicht mehr auf.

In den Achtzigern hat er bei der Stadtreinigung Ost als Elektriker angefangen. Nach Fortbildungen und Jahren in Personalvertretung und Aufsichtsrat hat er sich für die Stelle des Qualitätsbeauftragten beworben. Man muss nicht bis zur Rente immer dasselbe machen, findet er. Obwohl sein Job sicher sein dürfte: „Wir leben ja davon, dass die Leute Dreck auf die Straße werfen.“

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