Berlin : Der Schatten des Premiers

Ein Berliner in Paris: Der 26-jährige Christoph Gottschalk ist seit sechs Monaten Berater des französischen Regierungschefs

Constance Frey

Macht – macht gar nicht so viel aus. Als Christoph Gottschalk das Café in der Tucholskystraße betritt, steht da vor allem ein selbstsicherer junger Mann. „Wie geht’s, Christoph?“ pflegt ihn der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin auf deutsch zu begrüßen. Oder beide sitzen im Flugzeug und lesen zusammen eine deutsche Tageszeitung. Der Premier sei immer sehr freundlich, viel mehr kann Christoph Gottschalk aber nicht vom Alltag in Matignon, dem Sitz des Regierungschefs berichten, denn als Mitglied des Kabinetts unterliegt er einer Schweigepflicht.

Vor sechs Monaten rückte der Berliner Student schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit. Der 26-Jährige wurde zum Berater des französischen Premierministers ernannt. Aufgefallen war der Politikstudent den französischen Regierungsvertretern durch sein Engagement als Präsident des Europäischen Jugendparlamentes und als Moderator des ersten Deutsch-Französischen Jugendparlamentes in Berlin im Januar 2003.

Die Medien tobten, lobten, suchten weitere Gründe für diese außergewöhnliche Nominierung eines parteilosen jungen Deutschen, der nicht aus dem Auswärtigen Amt stammte, nicht mal fertig studierte hatte.

Und das war nicht immer schön. „Es gibt Journalisten, die ein festes Bild nur noch bestätigen wollen. Zum Beispiel, dass ich der klassische JU-Yuppie bin, der einen einflussreichen Papi hat. Weil man so einen Job anders überhaupt nicht kriegt. Den Papi bei der CDU hatte ich aber nie.“ Die aufgeregten Stimmen in der Presse sind leiser geworden, dennoch ist ständig ein Auge auf Christoph Gottschalk gerichtet. „Es ändert natürlich etwas, wenn man plötzlich von Leuten angesprochen wird, die einen aus den Medien kennen. Man wird vorsichtiger.“ Er bestellt einen Milchkaffee. Den Keks dazu bekommt die fremde Dogge, die am Tisch bettelt, nicht. Die Kabinettsmitglieder haben den jungen Mann gut aufgenommen. Christoph Gottschalk war vor allem erstaunt darüber, wie viele deutsch sprechen. Mittlerweile hat er ein Büro in Matignon, eine zweisprachige Sekretärin – und wenig Zeit. „Ich arbeite 13, 14 Stunden am Tag. Die ersten zwei Stunden lese ich deutsche und französische Zeitungen und andere Publikationen.“

In seine Pariser Zweizimmerwohnung geht er meist nur zum Schlafen. Einen Alltag mit festem Ablauf gibt es nicht. Seine Aufgabe: ein deutsches Auge auf französische Dossiers werfen. Abgesehen von seiner Arbeit in den Stäben „Bildung“ und „Diplomatie“ und dem Kontakt zu deutsch-französischen und europäischen Bürgerinitiativen besorgt er aktuelle Informationen zu Themen in Deutschland: zur Erhöhung der Tabaksteuer, zur Gesundheitsreform oder zu den Berliner Studentenprotesten.

Berlin, die Stadt in der er fast fünf Jahre lang gelebt hat, fehlt ihm. „Aber nicht, weil Paris schlecht ist. Beide Städte sind nicht miteinander vergleichbar. Sie vermitteln einem ein völlig unterschiedliches Lebensgefühl. Und wenn ich in Berlin bin, fehlt mir Paris.“ Zum Glück hilft da der Job. Immer wieder fliegt er zu Arbeitstreffen in die deutsche Hauptstadt.

Und er weiß auch schon, was er machen würde, wenn der Job in Paris morgen vorbei wäre: schlafen.

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