Berlin : Der Schlossmissionar

Zum 70. von Wilhelm von Boddien, dem Initiator des Wiederaufbaus.

von
Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Von allen Geschichten aus der Nachwendezeit ist die, die sich mit ihm verbindet, vielleicht doch die erstaunlichste. Denn ohne Wilhelm von Boddien wäre der Gedanke an einen Wiederaufbau des 1950 gesprengten Stadtschlosses vermutlich in der Umlaufbahn der Endlosdebatten über Stadtplanung und Architekturkonzepte hängen geblieben. Doch dieser Landmaschinenhändler aus Hamburg brachte 1993 das Kunststück fertig, dieser Idee für einen Sommer zur Sichtbarkeit zu verhelfen: ein Gebilde aus flatternden Planen und einem Stahlgestänge, ein historisches Traumbild, eine „Anschauungshilfe“, wie es sein Inspirator nannte. Damals blieb er am Ende auf dem Rest der Kosten sitzen. Heute steht außer Zweifel: In ein paar Jahren, wahrscheinlich 2017, fast 70 Jahre nach seiner Zerstörung, wird in der Mitte Berlins wieder ein Schloss stehen.

Der Wiederaufbau hat auch etwas mit dem langfristigen Wandel von Architekturauffassungen und Zeitgefühl zu tun. Aber das treibende Element war Boddiens legendäre Unermüdlichkeit. Rund 20 Jahre hat er für das Projekt gestritten, der Kopf eines Vereins, der ohne Boddien kaum erfolgreich gewesen wäre. Fast immer bei heftigem Gegenwind, oft rüde attackiert, öfter noch arrogant abgetan. Lange sah es so aus, als stehe er auf verlorenem Posten, ein paar Mal schien das Projekt am Ende. Noch in der Kommission Stadtmitte Berlin, die 2001 ihr Gutachten vorlegte, hatte es nur eine Stimme Mehrheit. Boddiens Firma hat das Ringen nicht überstanden, er hingegen wohl: 2002 stimmte der Bundestag zu, 2008 wurde der Entwurf für den Aufbau abgesegnet.

Dabei ist der Schlossmissionar alles andere als ein Fanatiker, und selbst einen Visionär mag man den zurückhaltend auftretenden Mann nicht nennen. Aber kann man eine solche Auseinandersetzung ohne eine Vision durchstehen? Und steckt nicht wenigstens etwas von einem Spieler in ihm? Ohne Risikobereitschaft wäre ein so gewagtes Unternehmen wohl nicht ans Ziel zu bringen gewesen. Doch Boddiens Performance ist bürgerlich temperiert, und seine Stärke besteht in einer Mischung von Liebenswürdigkeit und Zähigkeit. Mit diesen Tugenden hat er nicht wenige seiner Gegner entwaffnet.

Boddien hat auf seinem Weg durch das unruhige Berliner Nachwende-Gelände auch einstecken müssen. Seine Berufung zum ersten Chef von „Partner für Berlin“, dem aus den Trümmern der Olympiabewerbung gezimmerten Public-Relations- Unternehmen, wurde nur zum kurzen Gastspiel. Das politische Berlin, allen voran der Senat, hat sich beim Thema Schloss durchweg zurückgehalten. Seine Gegner hielten bissig Distanz, allerdings wuchs die Zahl der Unterstützer.

Da kam es Boddien zugute, dass er über die Gabe des Wegsteckens verfügt. Unverdrossen drehte er – seit 2004 als hauptamtlicher Geschäftsführer des Freundeskreises – das große Rad der Sympathiewerbung, warb um Unterstützung, hielt Gönner bei Laune. Ohne sich zu verbiegen oder aufzutrumpfen: ein in der Wolle, also im feinen Tuch gefärbter Hamburger, im rauen Berlin. Denn nur die Kriegsumstände haben es mit sich gebracht, dass Boddien in Pommern geboren wurde.

Bleibt nur die Frage, was Boddien bewogen hat, sich als ehrbarer Kaufmann – mit 24 Jahren trat er ins väterliche Geschäft ein – auf das Abenteuer der Wiedererrichtung des Schlosses einzulassen. Vom kunsthistorischen Fach ist er nicht, um so mehr aber ein Liebhaber des Schönen, zumal der preußisch-berlinischen Baukultur und da längst zum Kenner geworden. Als Anreger und Mentoren hat Boddien einmal Margarete Kühn, der Berlin die Erhaltung des Charlottenburger Schlosses verdankt, und Otto von Simson, den großen Kunsthistoriker, genannt. Also sind es wohl diese Hüter des alten Berlins gewesen, die den Keim einer ungewöhnlichen Passion in sein Gemüt gelegt haben. Wo er mit dem Wunsch zusammentraf, seinen Teil zur Wiederherstellung Berlins beizutragen.

Heute wird Wilhelm von Boddien 70 Jahre alt. Hermann Rudolph

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben