Berlin : Der Schmerz bleibt

Hinterbliebene gedachten ihrer Angehörigen, die beim Tsunami umkamen

Annette Kögel

Die Frau geht auf das Friedhofstor zu, hält inne, läuft wieder zurück. Auf dem Gelände versammelt sich eben eine Gruppe an einem Gedenkstein. „Da will ich nicht stören, da trauern Tsunami-Opfer, ich warte noch“, sagt die Frau, die das Grab ihrer Eltern auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof besuchen will. Zwei Jahre ist es her, dass die Naturkatastrophe auch 47 Berliner und Brandenburger tötete – und damit Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen aus dem Alltag riss. Was für sie das Schwerste sei im Leben danach? Eine Frau in Schwarz, die den Friedhof mit gesenktem Kopf verlässt, sagt: „Das Weiterleben.“ Sie hat am 26. Dezember 2004 ihre Tochter verloren.

Die Frau, die über ihre Gefühle reden mag, nicht aber den eigenen Namen lesen will, holt einen Packen mit Fotos in einer Klarsichthülle aus der Manteltasche. Das Bild ihrer Tochter trägt sie bei sich, „immer“. Mignon wurde 35 Jahre alt. Die junge Frau mit dem Lockenkopf war nach Thailand ausgewandert, an jenem Tag nur deshalb am Strand, weil Besuch aus Deutschland da war. „Diese Frage nach dem Warum – warum gerade mein Kind, das doch länger leben sollte als ich – warum gerade diese Umstände, das ist es, was die Betroffenen am meisten beschäftigt“, sagt Jörg Kluge. Er ist Pfarrer und Feuerwehrseelsorger und steht der Berliner Selbsthilfegruppe der Tsunami-Opfer zur Seite. Er freut sich, dass sich bei dem einen oder anderen „wieder ein wenig der Horizont weitet“. Kluge hat gestern den selbst geschriebenen Text eines Angehörigen verlesen, der schon im Vorjahr vorgetragen wurde, als auch Bundespräsident Horst Köhler zur Einweihung des Gedenksteines gekommen war. 43 Namen von Verstorbenen sind auf der Sandsteinstele eingelassen. Ihre Namen wurden verlesen, aber auch jene der drei Opfer, bei denen die Angehörigen die Namen nicht auf der Stele haben wollten. Das Schicksal eines Opfers ist noch ungeklärt.

An der Stele brennen Kerzen, auf dem inzwischen leicht bemoosten Stein mit einer stilisierten Welle darauf liegen Figuren, auf der Erde Blumen, Kränze, eine silberne Kette mit Sternen, ein rotes Herz mit Foto. Ein Bild, auf dem das Meer golden glänzt. „Für mich ist das so frisch, als ob es gestern gewesen wäre, ich erinnere alles, jede Meldung, die erste Unruhe, die Panik“, sagt ein Mann. Die Tochter seiner Frau und deren Mann wurden aus dem Leben gerissen. Es war ihre Hochzeitsreise. „Jedes Jahr, bis zu diesem Tag, hat sie immer zu Hause Weihnachten gefeiert.“

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