Berlin : Der Schnaps der Visionäre

In Halle 17 kann man Absinth probieren. Vor 100 Jahren schworen Künstler auf seine kreative Kraft

Moritz Honert

Verrückt soll er machen. Wahnsinnig. Van Gogh, heißt es, hätte sich sein Ohr nach ein paar Gläschen zu viel davon abgeschnitten. Andere hingegen soll der Absinth inspiriert haben: Künstler wie Baudelaire und Gauguin zu künstlerischen Höhenflügen. Der Schweizer Jean Lanfray schließlich soll anno 1905 seine Familie ermordet haben, nachdem er ihn getrunken hatte. Dass Letzterer neben zwei Gläschen Absinth auch noch ein paar Flaschen Wein intus hatte, ging in der damaligen Absinthhysterie jedoch unter. Die sorgte dafür, dass in den Folgejahren fast alle Länder in Europa ein Verbot erließen, den Schnaps aus Anis, Fenchel und Thujon, einem aus dem Wermutkraut gewonnenen ätherischen Öl, herzustellen. In hohen Dosen kann Thujon Halluzinationen und Krämpfe hervorrufen, Ärzte warnen auch heute noch vor Schäden an Nieren und Nerven.

Nach Wahnsinn sieht Verena Frutschi nun gar nicht aus. In Halle 17 am Schweizer Gemeinschaftsstand verkauft sie das Getränk, das seit ein paar Jahren dank vereinheitlichtem EU-Lebensmittelrecht eine Renaissance erlebt, mit freundlichem Lächeln. In Deutschland, wo seit 1923 die Herstellung verboten war, ist Absinth wie in den meisten europäischen Ländern seit 1991 wieder erlaubt – wenn ein Thujon-Gehalt von je nach Alkoholgehalt bis zu 35 Milligramm pro Kilogramm Flüssigkeit nicht überschritten wird.

„Viele Leute, die hier vorbeikommen, wundern sich, dass Absinth nicht immer noch verboten ist“, sagt Frutschi und räumt gleich noch mit ein paar anderen Mythen um das Getränk auf. Weder sei es in Frankreich erfunden worden – sondern in der Schweiz –, noch sei es immer grün. Zum Beweis schenkt sie ein wenig von einer klaren Flüssigkeit aus, die wie Pernod schmeckt und die milchig wird, als Frutschi sie mit Wasser und Zucker mischt. Einen besonders kreativen Schub verursacht die Probe allerdings nicht.

Das wäre auch sehr unwahrscheinlich, erklärt Dagmar Lohmann, die seit 1999 in Berlin Absinth verkauft. „Für Wahrnehmungsveränderungen sind die von der EU zulässigen Dosen viel zu gering“, sagt sie. Die würden erst bei Absinth mit Dosierungen von 200 oder noch mehr Milligramm Thujon auftreten. Und selbst dann nicht bei jedem. Der Weg nach Osteuropa, wo man auch hochdosierte Absinthe bekommen könnte, würde sich also nicht zwangsläufig lohnen. Auch will Lohmann nicht bestätigen, dass Absinth zu seiner Blütezeit um 1900 höher dosiert war als heute erlaubt. So was ließe sich nachträglich überhaupt nicht mehr nachweisen. Und was die damals bei Langzeitkonsumenten auftretenden Vergiftungserscheinungen angehe, sei es wahrscheinlicher, dass diese auf schlechten Alkohol und die Lagerung des Getränks in Bleifässern zurückzuführen sei als auf einen zu hohen Thujongehalt.

Beat Amacher, einem Standkollegen von Frau Frutschi, ist das Gerede über Mythen und EU-Vorschriften reichlich egal. In der Schweiz, wo Absinth erst 2005 wieder legalisiert wurde, hätte es das Getränk eh immer gegeben, sagt er. Dafür hätten die Schwarzbrenner schon gesorgt. Für ihn ist Absinth weder Kreativitätstrunk noch neumodisches Rauschmittel der Clubszene, sondern das, als was es bei seiner Erfindung im 18. Jahrhundert im Schweizer Jura gedacht war – Medizin. Sein Geheimrezept für jede Erkältung: „Ein Glas voll im Wasserbad erhitzen, auf Ex und ab ins Bett.“ Am nächsten Tag wäre man gesund, schwört er.

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