Berlin : Der Schnee von Berlin

Andreas Conrad

Berlin? Eine fürchterliche Stadt: "Nur Lärm und Autos und Dreck und ... und ... Käfige!" Von dem Namen sollte man sich ohnehin nicht täuschen lassen: "Es heißt Berlin. Ist aber nicht wie ein Bär. Und Schnee gibt es auch. Ist aber grau. Es ist ganz grässlich dort. Nur die Kinder sind nett, haben schöne Augen." Fürwahr, insgesamt keine schmeichelhaften Worte, immerhin stammen sie von einer, die es wissen muss: die Schneeeulenkusine. Lange Zeit war sie im Berliner Zoo eingekerkert, ist in einem günstigen Moment entfleucht und irgendwie bis zum Himalaya gelangt. Ihr Zuhörer: Kein geringerer als der Yeti.

Ganz recht, der Yeti. Der einzige Schneemensch der Welt. Der beste Freund des Schneeleoparden und zudem ein entschiedener Gourmet. Nichts geht ihm über leckeren Yakbraten in geschmolzener Yakbutter, dazu heißes Wasser aus reinem Himalayaschnee. Wenn er sich aber ärgert, nimmt er einen Felsbrocken und schleudert ihn ein paar hundert Meter weiter in den Himalaya.

Wie bitte, was sagen Sie da? Sie glauben nicht an den Yeti? Sie trauen statt dessen diesem Bergsteiger, der behauptet, er habe den Yeti gesehen, aber es sei nur ein Bär? Diesem ... diesem ... wie heißt er noch mal ... ? Schlagen wir lieber nach. Ach ja, er heißt nur Treck. Ganz einfach Treck. Sie erinnern sich doch an seinen gutbesuchten Vortrag im hiesigen Naturkundemuseum: "Er trug einen Bart und sah sehr gesund aus. Man konnte sehen, dass es ihm gut gefiel, der berühmte Bergsteiger Treck zu sein, das war ganz klar."

Wieder zitieren wir einen, der es wissen muss, weil er dabei war: den Yeti. Und wer jetzt noch immer nicht an ihn glaubt, dem empfehlen wir zur Lektüre ganz dringend "Der Yeti in Berlin" von Will Gmehling, sehr hübsch illustriert von Markus Grolik. Oder zumindest sollte er das Buch verschenken, vielleicht einem der Kinder mit den schönen Augen, zum Beispiel zu Weihnachten. War doch der Yeti ausgerechnet zu Weihnachten in Berlin.

Pädagogisch wertvoll (behutsam dosiert, schmeckt gar nicht bitter!) wäre so ein Geschenk auch - von den zahllosen Komma-Fehlern mal abgesehen. Schließlich ist der einzige Schneemensch der Erde die klitzekleinste Minderheit, die man sich nur denken kann, dazu mit einem ganz speziellen Blick auf unsere Welt, sie heiße nun Berlin oder sonstwie.

Man kann nicht sagen, dass es dem Yeti hier sonderlich gefallen hätte. Das mächtige Gebäude mit der hohen Kuppel aus Glas zwar schon, auch die hohe Säule in der Mitte eines Platzes, auf der leichtfüßig ein goldener Engel stand, und erst recht das mächtige steinerne Tor mit den vier Pferden und der Friedensgöttin im Wagen oben drauf: "Endlich einmal ein richtiges Tor für mich!" Mit einer netten Taxifahrerin hat er sich gut verstanden, auch spendierte eine Wurstverkäuferin ihm für seine Geschichte gleich vier leckere Würste. Und dann erst Sassi Frassi, die Filmdiva, die ihm das Geld für den Rückflug schenkte, schließlich Merlin, sein blinder kleiner Freund. Der glaubte an ihn, "richtig und ganz genau".

Aber all die anderen, die durch die Steinwüste namens Berlin hasten, sich anrempeln, schimpfen und weiterhasten, "beinahe alle unzufrieden und traurig" - nein, die haben dem Yeti gar nicht gefallen. Die meisten hielten ihn sogar für einen Penner. Ihn, den Yeti. Schon auf dem Flughafen ging das los: Kein Pass, keine Einreise. Spaß verstand auch der Polizist an der Schranke nicht, von den 20 Polizisten, die ihn und Merlin an dem Kuppelgebäude festhalten wollten, mal ganz zu schweigen. Naja, hinterher haben sie alle brav Schneemänner gebaut und dazu Weihnachtslieder gesungen. Ein Glück, dass er seinen Zauberspruch hatte, die berühmte Himalaya-Magie, wer weiß, wo sein Besuch in Berlin sonst noch geendet hätte. Vielleicht im Zoo.

So aber geht alles gut, und unser Schneemensch kehrt zurück in seine geliebten Berge. Sogar nonstop von Tegel nach Yeptilimanschur, am Fuße des Himalaya. Aber das schafft eben nur der Yeti.

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