Berlin : Der schöne Schein

Licht macht die dunkle Jahreszeit erträglich. Es macht Kunst zum Hingucker, lässt Straßenzüge funkeln, zaubert Romantik in Räume, hellt die Stimmung auf. Es gibt Menschen, die lassen diese Stadt leuchten. Sie machen Berlin vor allem in den Wintermonaten freundlicher – weil es ihr Job ist und ihr Anliegen

Eva Kalwa,Susanne Leimstoll

DAS „BUCH DES LICHTS“:

TECHNIKSTUDENTEN MACHEN KUNST

Der Lastwagen, der den abschüssigen Weg im Gutspark Neukladow hinab fährt und vor der denkmalgeschützten, unrestaurierten Villa hält, hat Lichttechnik im Wert von 300 000 Euro an Bord. Die Gruppe beginnt auszuladen. Drei Tage lang werden sie aufbauen, elf Studenten und drei Studentinnen der Technischen Fachhochschule Berlin. Lichtinstallationen, Kunstwerke, die sie selber erschaffen haben. Ihre Abschlussarbeit, eine Ausstellung. Ohne öffentliche Mittel, gesponsert durch Unternehmen, für die sie nebenher arbeiten. Kunst auf Zeit, Kunst auf Pump. Ein Wochenende lang, am 13. und 14. Dezember, wird ein Haus am Wannsee von ihren künstlichen Lichtquellen erhellt. Ihr Werk. Sie nennen es „Das Buch des Lichts“.

Studentin Kristin Seifert hat einen ganzen Flur zur Verfügung. Sie erweckt ein Obergeschoss zum Leben. Aus zehn Räumen dringt Licht, man hört Musik. Im Bad plätschert Wasser, im der Küche scheppert Geschirr. Einen Blick durchs Schlüsselloch riskieren? Gespenstisch.

Kunst ist eigentlich nicht ihr Ding. Die jungen Leute, die meisten in den Zwanzigern, sind Kopfmenschen, werden technische Leiter in Theatern, machen später die Licht- , Ton- und Videotechnik in großen Arenen, die technische Planung in Agenturen, entwickeln Geräte für Messen und Medien. Aber ihr Fach Lichtgestaltung und ihre Dozentin, die Theaterfrau Susanne Auffermann-Lemmer, haben sie gezwungen, für ihre Abschlussarbeit die Poesie des Lichts zu entdecken. Sie orientieren sich an einem Werk des zeitgenössischen Komponisten Hans Otte, dem „Buch der Klänge“, Klaviermusik verbunden mit Aphorismen, und entdecken ihre Künstlerseele. Lassen Phantasie spielen, legen Herz in ihre Projekte.

Ein Lebensweg: eine Holzscheibe, eine EKG-Linie, ein Herzrhythmus, eine weiße Lichtlinie auf farbig changierendem Hintergund. Plötzlich ein Bruch: der Moment, der ein Dasein verändert, Symbol für einen Einschnitt. Johannes Kritzler hat dieses Objekt geschaffen, es hat Bezug zu seiner eigenen Geschichte und trifft doch auf jeden zu. Masterstudent Andreas Heinrich erklärt die Faszination des Lichts: „Es ist ein elementarer Teil in unserem Leben. Wäre es nicht da, wären wir nicht. Es hat Macht über uns.“ Das ist, was das Projekt betrifft, auch wörtlich zu nehmen. Ihre Kopfgeburten stellen die Ausstellungsmacher immer wieder vor Probleme. Der Künstler in ihnen sagt, ich brauche Licht von oben links. Der Techniker in ihnen antwortet, das ist nicht machbar, weil da eben nichts ist. Die Dozentin sagt: Problem lösen, bitte. Susanne Auffermann-Lemmer, 45, seit drei Jahren an der THF Professorin für Lichtgestaltung, zuvor die als Regisseurin und Lichtgestalterin am Theater, unter anderem für Peter Zadek, ist stolz auf ihren Studiengang. Die Fachhochschule, der Campus liegt in Wedding, sei die einzige in Deutschland, die Studenten diese Kombination biete: Technik und Kunst. „Es gibt keinen qualitativen Unterschied zur Hochschule.“

Student Christian Wurmbach beschreibt mit Lichtobjekten die Freiheit des eigenen Willens: fünf Stelen, vier davon identisch blau, eine ist anders. Timo Pforr lässt den Besucher an seiner Identität zweifeln: Ist man das dort im Spiegel? Eine Säule, mit horizontalen Leuchtdioden, eine Kamera, die nur eine Silhouette in grober Auflösung wiedergibt.

Wer zur Vernissage am Freitag in den Gutspark kommt, erlebt das Projekt „Buch des Lichts“ mit Live-Musik und Tanzdarbietung. Am Parkeingang erhält jeder eine Kerze, deren Schein ihm den Weg zum Gutshaus weist. Den Ausstellungsort wird er schon von außen erkennen: Sieben sonst stockdunkle Fenster werden, abwechselnd illuminiert, Bilder und Aphorismen-Zitate zeigen. Seit Oktober haben sie am Projekt gearbeitet. Am Ende der Ausstellung wird Licht zu Luft: die Kunstwerke demontiert, das Material zurück zu den Sponsoren. Und wenn jemand ihre Kunst kaufen will? „Alles Verhandlungssache“, sagen sie grinsend.

VERSÖHNLICHES LICHT:

LUCIE STEINEL UND IHRE LEUCHTEN

Wenn die Tage kürzer werden, kommt die Zeit für Lucie Steinels Werke. Das ganze Jahr über sind sie zu sehen in dem kleinen Schaufenster der Galerie in der Gustav-Freytag-Straße in Schöneberg. Aber erst, wenn es kalt wird draußen, bleiben die Menschen stehen, angezogen von diesen kleinen, flackernden Lichtern. Teelicht-Flämmchen hinter mattiertem Glas, das sandgestrahlt wurde oder geätzt, durchbrochen ist von feinen Bordüren, von Blümchenmustern oder Sternen. Es funkelt hinter geschliffenen Steinen in Weiß, Rubinrot, Smaragdgrün, Königsblau oder Cognac. Bleiverglaste Leuchten, die an feinen Ketten hängen. Hübsch altmodisch, kleine Jugendstil-Kunstwerke. Lucie Steinel, 53, fertigt diese Lämpchen in Tiffany-Technik. Lichtquellen aus Mousselineglas mit Messingfassungen. Vor einigen Jahren war das ein Hobby. Aber die Lämpchen fanden schnell Liebhaber. Und nun hat die Frau, gelernte Zahntechnikerin, die im Atelier ihres Lebensgefährten, eines Malers, Rahmen vergoldet und versilbert, ein Ganzjahres-Handwerk daraus gemacht. Diffizil ist das, eine Fummelarbeit. Sie sitzt, gebeugt, über den kleinen Glasteilen, die sie zurechgeschnitten und, jedes einzeln, mit Kupferfolie umrandet hat. Den Lötkolben tupft sie ab und zu in einen feuchten Schwamm, gibt Flussmittel auf die Glasränder, nimmt die Stange mit Lötzinn, verflüssigt ihn zu kleinen Tropfen und füllt so die Ränder zwischen den Steinen, Pünktchen für Pünktchen mit einem Material, das in Sekunden erstarrt. Nicht mehr als eine Leuchte pro Tag schafft sie – auch der Dämpfe wegen, die das flüssige Lötzinn produziert. Den gläsernen Mosaikring setzt sie auf silberne Messingteile, acht- bis zwölfeckig, eigentlich Endstücke großer Tiffanylampen. Ihre Leuchten, sagt sie, hätten etwas Tröstliches. „Oft kommen Leute, die solch ein Licht für jemanden kaufen, der gerade schwere Zeiten hat. Dann sagen sie, der oder die soll jetzt was Schönes bekommen.“ Das versteht schon, wer Lucie Steinel dort im Raum stehen sieht: Ihre groß gewachsene Gestalt badet im milden Schein, überall um sie die Lämpchen, die sie Lucialichter getauft hat. Eine stille, sanfte Stimmung. Ihr fällt ein Sprichwort ein zu ihren Werken: „Und geht’s im Leben noch so schwer, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Das, findet sie, passt am besten.

ALLES GLÜHT:

STADTBELEUCHTER ANDREAS BOEHLKE

Die Begeisterung für elektrisches Licht wurde Andreas Boehlke sozusagen in die Wiege gelegt. Denn schon der Großvater des Mannes, der alle Jahre wieder zu Weihnachten die halbe Stadt zum Strahlen bringt und im Oktober zum vierten Mal das „Festival of Lights“ entworfen hat, war Elektroinstallateur. Das ist auch sein Enkel geworden. Das Tagesgeschäft des Familienbetriebes in Heiligensee mit 35 festen Mitarbeitern sind Messe-, Shop-, Poster- und temporäre Eventbeleuchtung, dazu kommen Festival-Installationen. „Ich habe das Handwerk von der Pieke auf gelernt und bin wie mein Vater und Großvater ein echter Strippenzieher“, sagt Boehlke mit Stolz. Der Illuminator von Ku''damm, Schloss Charlottenburg, Brandenburger Tor, Hauptbahnhof und etlichen weiteren Wahrzeichen Berlins hält wenig davon, zwar eine hübsche Idee zu haben, sie aber nicht angemessen umsetzen können. „Es muss immer um die Machbarkeit eines Entwurfes gehen. Ein Lichtprojekt darf nicht am Tag der Zuschaltung scheitern, weil die Halterungsystematik nicht funktioniert“, sagt der 42-Jährige, ganz Techniker. In seiner Hauptsaison, etwa jetzt im Advent, beschäftigt Boehlke bis zu 300 freie Mitarbeiter, um alle Großprojekte in Berlin, Ludwigshafen, Lübeck und anderen Städten zu schaffen. Etwa 220 Kilometer Kabel und 300 Kilometer Lichtschlauchsysteme hat er allein in Berlin verlegen, 250 000 Glühlampen installieren lassen und 40 dreidimensionale Objekte wie Rentiere und Weihnachtsmänner, drei bis 14 Meter hoch, aufgestellt. „Die Begeisterung stellt sich bei den Menschen ein, wenn sie viel Licht auf einmal sehen und wenn die Illuminierung zur Umgebung passt.“ So viele diffizile Aufträge, so viele Leuchtobjekte. Doch Boehlke hat tatsächlich noch einen unerfüllten Weihnachtswunsch: „Ich würde gerne den Funkturm mit vielen großen Sternen aus warmweißem Licht beleuchten.“

HELL UND DUNKEL:

SCHLAFMEDIZINER DIETER KUNZ

Es ist nicht lange her, da konnte der Mensch die Nacht nicht so einfach zum Tag machen. „130 Jahre elektrisches Licht – das ist in der Evolution nicht mehr als ein Wimpernschlag“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Abteilung für Schlafmedizin im St. Hedwig-Krankenhaus Moabit. Seit 15 Jahren erforscht er die Auswirkungen von Licht und Dunkelheit auf den menschlichen Organismus. Als Neurobiologe ist er nur an messbaren Fakten interessiert. Dazu gehört die „innere Uhr“, deren Existenz bei Menschen, Tieren und Pflanzen mittlerweile eindeutig bewiesen ist. „Der Mensch als tagaktives Lebewesen konnte früher nur überleben, wenn er wusste, wie spät es ist und wie lang ein Tag ist, also, ob Sommer oder Winter herrscht“, erklärt er. Viele Menschen merkten erst durch ein erhöhtes Schlafbedürfnis im Winter, dass ihr Körper sich automatisch nach der verfügbaren Menge an Tageslicht richtet. Wer etwas gegen seine Antriebsschwäche tun möchte, dem rät Kunz, morgens eine U-Bahn-Station früher auszusteigen und den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Dabei oft nach oben schauen, damit die Rezeptoren auf der Netzhaut möglichst viel Tageslicht aufnehmen können. Der Blauanteil darin signalisiert dem Körper, dass es Tag und damit Wach-Zeit ist. „Es kann viel bringen, im Winter tagsüber Glühlampen mit kaltweißem Licht zu benutzen“, sagt Kunz. Doch gerade dieses Licht führt auch zu Schlafproblemen, wenn man es zur falschen Uhrzeit anknipst. Das weiß der Schlafmediziner, denn er erforscht im Schlaflabor des Hedwig-Krankenhauses, was geschieht, wenn der Körper in seiner Ruhezeit ein Wach-auf-Signal durch Licht mit hohem Blauanteil empfängt. Nur zehn Minuten abends im hellen Badezimmerlicht und die zum Schlafen notwendige Menge des Hormons Melatonin ist dahin. Am nächsten Tag fühlt man sich matt. Was tun? „Am besten, man putzt sich die Zähne abends bei Kerzenschein oder Rotlicht.“

OFFENES FEUER:

DER KERZENLADEN „ESS BRENNT“

Eigentlich finden sie ihren Job vor allem entspannend. Wachs formen, Dochte einziehen – und alles ist schön entflammbar. Heike Keeve und Angela Müller sind Inhaberinnen der Kerzenwerkstatt „Ess brennt“ in der Hagelberger Straße in Kreuzberg. Hier kann, wem Massenware nicht zusagt, in großen, hellen Räumen Kerzen aus buntem Wachs fertigen, seine Traumkerze gestalten. Das ist gemütlich, denn eine Café-Ecke, in der es selbst gebackenen Kuchen gibt, ist auch da. „Unsere Kunden sagen, sie empfinden das Kerzenziehen als sehr beruhigend. Und die Kinder mögen es, mit Farben zu experimentieren“, sagt Heike Keeve. Den Wunsch nach Selbständigkeit hegten die befreundeten Pädagoginnen lange, nur die zündende Idee fehlte. „Dann haben wir mit unseren eigenen Kindern einen Kurs in Kerzenziehen belegt und waren begeistert.“ Angela Müller hat, wie ihre Freundin, gern natürliche Lichtquellen um sich. Jeden Abend isst die 46-Jährige mit ihrer Familie bei Kerzenschein. Auch ein gusseisener Kamin steht im Wohnzimmer. „Das Knistern, das Flackern und die Wärme – herrlich!“ Um die Weihnachtszeit wollen besonders viele Menschen eine eigene Kerze mit nach Hause nehmen – auch, wenn die erste selbst gemachte meist nie abgebrannt wird. Und was tut die Kundschaft im Sommer? „Da ziehen wir große, bunte Fackeln. Die spenden solch ein romantisches Licht im Garten“, sagt Heike Keeve.

ILLUMINIERTE BRUNNEN:

LICHTKÜNSTLER NILS-R. SCHULTZE

Er will gar nichts für die Ewigkeit schaffen. Seine leuchtenden Visionen sind tgemporär, sie spielen mit der Vergänglichkeit. „Das Faszinierendste an Licht ist, dass man es abschalten kann“, sagt Nils-R. Schultze. Zum siebten Mal verwandelt er in dieser Adventszeit vier Berliner Brunnen in Lichtobjekte – vorübergehend, in Zusammenarbeit mit Sponsor Vattenfall.

Die Idee dazu hatte Schultze, der an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte, im Jahr 2002. Damals beschloss der Senat, aus Kostengründen viele Brunnen abzuschalten. Schultze konnte auch den wasserfreien Objekten etwas abgewinnen, fand, sie eigneten sich als zentrale Licht-Objekte, um winterdunkle Brachen, städtische Plätze, aufzuhellen. Das Energieunternehmen war als Investor schnell gefunden: 10 000 Euro pro Objekt kostet die Illumination. In diesem Jahr war die Herausforderung für den 43-jährigen Künstler besonders groß. Alle vier ausgewählten Brunnen sind über hundert Jahre alt. „Ich wollte keine repräsentative Beleuchtung, sondern im Zusammenspiel mit den historischen Formen und dem öffentlichen Raum autarke Lichtobjekte schaffen.“ Am Freitag wird der historische Wrangelbrunnen in Kreuzberg in der Urbanstraße eingeschaltet. Seine übereinander angeordneten Schalen wird Schultze mit zehn viereinhalb Meter hohen leuchtenden Stelen umzäunen. „Mit Licht kann man andere Dimensionen bewältigen als mit jedem anderen Medium“, sagt er.

Eines seiner nächsten Projekte soll ein Lichtobjekt sein, das sich bei Tag über bewegliche Solarobjekte die nötige Sonnenenergie holt, um nachts zu strahlen. Wenn keine Energie mehr vorhanden ist, erlischt die Beleuchtung einfach – vielleicht mitten in der Nacht. Licht, so wie Nils-R. Schultze es sieht, ist magisch, gerade wenn es kurz vor dem Verlöschen ist. Die blaue Stunde ist deshalb seine liebste Tageszeit.

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