Berlin : Der Schulsenator verrät Weisheiten aus der eigenen Schulzeit

Anna Brockdorff

Klaus Bögers Gesichtsausdruck verrät Skepsis, als er den Stuhl erblickt, der vollständig in ein grellrotes Tuch gehüllt ist. "Den roten Stuhl haben wir in Anlehnung an den heißen Stuhl gewählt. Denn wir wollen unsere jeweiligen Gäste zu unangenehmen Themen befragen und sie provozieren", sagt Rudolf Hetzel. Mit einem Team von etwa sechs Jugendlichen hat der 25-Jährige die Reihe "Montags-Visionen" organisiert, die Teil des SPD-Aktionswettbewerbs "alex" (der Tagesspiegel berichtete) ist.

Auf unangenehme Fragen braucht der Schulsenator nicht lange zu warten. Immer wieder gehen die Hände der Schülersprecher hoch, die sich versammelt haben. Immer wieder werden neue Probleme aufgeworfen. Wie sich ein Politiker seines Ranges denn eigentlich ein Bild vom Zustand der Schulen mache, will da einer wissen. "Zunächst einmal durch statistische Analysen, dann anhand der vielen Post, die jeden Tag auf meinem Tisch liegt, und drittens durch Besuche an den Schulen", antwortet Böger und ruft damit eine heftige Reaktion hervor: "Sie sehen als erstes doch immer nur die Statistik! Die Wirklichkeit schaut aber anders aus."

Dem begegnet Böger mit immer neuen Zahlen und Daten: Dass in diesem Schuljahr 500, im nächsten 600 jüngere Lehrer eingestellt werden sollen. Dass inzwischen 800 Schulen mit Internet versorgt seien. Wie viel allein eine Wochenstunde Mehrarbeit pro Lehrer im Jahr bewirken könne. Aber dass das Land Berlin sowieso faktisch pleite sei.

Doch die Schüler geben sich nicht mit Zahlen zufrieden und konfrontieren den Schulsenator mit konkreten Fragen. "Wie sieht es aber beispielsweise mit den Gesamtschulen aus, bei denen die Leistungsstufen auf zwei reduziert werden sollen? Wird damit nicht sowohl den Lehrern als auch den Schülern geschadet?" fragt ein Schüler und - nicht recht zufrieden mit Bögers allgemeinem Diskurs zur Problematik der Gesamtschule - hakt noch einmal bei dem Schulsenator nach. Der gibt zu: "Sie haben es gemerkt, ich bin ins Abstrakte abgewichen, weil ich mich mit den Gesamtschulen nicht genug auskenne und die Frage nicht beantworten kann."

Klare Antworten bleiben an diesem Abend eine Seltenheit. Auch zu Themen wie LER (Lebenskunde, Ethik, Religion), Leistungskontrollen für Lehrer oder Werbung an den Schulen schweift der SPD-Politiker oft in allgemeine Statements oder Weisheiten aus seiner eigenen Schulzeit ab. "Meine Visionen vom Berliner Schulsystem sind eher bescheiden", sagt Böger und nennt Aspekte wie Gewaltfreiheit, aktives Schulleben und gute Ausstattung. Die zukünftige Schule müsse eine größere Selbständigkeit gewinnen und ihr eigenes Profil zeigen, fordert er. Einem Schüler bleibt da nur die Frage: "Ist dann noch ein Schulsenator nötig?"

Die "Montags-Visionen" finden alle 14 Tage statt. "Diese Veranstaltungen sollen vor allem ein Forum für die Teilnehmer unseres Aktionswettbewerbs sein. Hier soll die Schnittstelle zur Politik entstehen, wo die Projekte politisiert werden", erklärt Rudolf Hetzel. Ihre Teilnahme zugesagt haben für die nächsten Veranstaltungen unter anderen die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Juso-Vorsitzende Andrea Nahles, der jüngste Bundestagsabgeordnete Carsten Schneider und der Chefredakteur des Tagesspiegels Giovanni di Lorenzo.Weitere Informationen unter der Telefonnummer 469 21 71 oder im Internet unter http://www.alex-2000.net.

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