"Der schwarze Nazi" : Ein Film über einen, der versucht, besonders deutsch zu sein

„Wo kommen Sie her?“, wird Aloysius Itoka öfter gefragt. Berlin, sagt er dann. Nun spielt er einen, der versucht, deutscher zu sein als die Deutschen.

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Aloysius Itoka, 55, ist in Liberia geboren und hat in den USA studiert. Natürlich ist er kein Nazi.
Aloysius Itoka, 55, ist in Liberia geboren und hat in den USA studiert. Natürlich ist er kein Nazi.Foto: Promo

Seine Lieblingsszene ist die mit dem Hausbriefkasten. „Ganz einfach, weil sie so schön doppeldeutig ist“, sagt Aloysius Itoka. Die Hausbriefkastenszene geht so: Ein Propaganda-Trupp der Nationalen Patrioten Ost (NPO) zieht von Tür zu Tür und verteilt frisch angefertigte Einladungen zur Selbstdeportation, „Liebe Ausländer, verlassen Sie bitte Deutschland!“ Bedacht wird jeder, dessen Name signifikant von MüllerMeierSchulz abweicht.

Also steckt die sehr blonde und sehr deutsche Patriotin auch ein Brieflein in den Kasten eines vermeintlich polnischen Mitbürgers. Entsetzen bricht aus beim sehr blonden und sehr deutschen Anführer: „Bist du wahnsinnig, das ist doch unser Vize-Vorsitzender!“ – „Was, seit wann gehört denn ein Pole zu uns?“ Gute Frage, findet Aloysius Itoka. „Wer gehört zu uns? Und wer ist eigentlich deutsch? Und warum?“

Aloysius Itoka sitzt im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, er hat sich gerade die Berliner Premiere eines Films angeschaut, in dem er als „Der schwarze Nazi“ auftritt. Er ist noch ein bisschen aufgekratzt. In Leipzig ist „Der schwarze Nazi“ hervorragend aufgenommen worden, ausverkaufte Vorstellungen, begeisterte Kritiken und so.

Natürlich ist er kein Nazi

Aber Leipzig war auch ein Heimspiel für die Regisseure Karl-Friedrich und Tilman König, und wer weiß schon, wie das anspruchsvolle Berliner Publikum reagiert. Die „Welt“ hat in einer sehr pauschalen Kritik ausgemacht, der Film unterscheide sich „in seiner moralischen Arroganz nicht von den letzten Performances von Ai Weiwei“. Und: „Der Zweck heiligt nicht die Mittel, und schlechte Kunst ist niemals heilig, sondern einfach nur schlecht.“

Das war keine schöne Vorlage, aber im gut gefüllten Babylon wird dann viel gelacht und laut applaudiert, keiner spricht ein schlechtes Wort. „War schon schön“, sagt Aloysius Itoka und dass er jetzt erst mal in seine Wilmersdorfer Stammkneipe wolle und dann zur Erholung nach Mallorca, „die letzten Tage waren sehr anstrengend“.

Aloysius Itoka ist ein großer und feingliedriger Mann. Er ist in Liberia geboren, 55 Jahre alt und hat in den USA studiert, natürlich ist er kein Nazi, und was die Komponente Schwarz betrifft – so what!? Aloysius lacht. Ja, er spürt den Alltagsrassismus, in Bussen und Bahnen, schiefe oder fragende Blicke.

„Irgendwie kann ich es ja verstehen, dass die Leute sich über einen Afrikaner wundern. Es ist in manchen Ecken von Berlin halt immer noch die Ausnahme“, aber irgendwann ist auch mal gut. Neulich war er im Schwimmbad und ein älterer Herr hat ihn in schneidigem Ton gefragt: „Sagen Sie mal, wo kommen Sie denn her?“ Aloysius Itoka hat für sich beschlossen, dass er auf solche Fragen nicht mehr antwortet.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“

Als Schauspieler ist er immer mal wieder im „Tatort! zu sehen oder im „Polizeiruf 110“. „Der Schwarze Nazi“ hat ihn zunächst gar nicht so sehr interessiert – „wissen Sie, bei Independent-Produktionen fällt die Gage nun mal sehr bescheiden aus“, und von irgendwas müssen Schauspieler ja auch leben. Aber dann hat er das Drehbuch gelesen und sich für die Geschichte begeistert. Die Handlung ist schnell erzählt: Itoka spielt den Kongolesen Sikumoya, er hat nach seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Zuflucht in Sachsen gefunden und wäre nichts lieber als ein richtig guter Deutscher.

Am liebsten und aus Überzeugung trinkt er Bier und lauscht dazu deutscher Volksmusik, wenn er sich nicht gerade im Integrationskurs auf die Prüfung zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft vorbereitet. Die Nationalen Patrioten tun sich allerdings schwer mit der Würdigung dieses staatsbürgerlichen Engagements und jagen Sikumoya lieber mit improvisierten Baseballschlägern durch die Stadt. Das geht nicht gut aus. Als Sikumoya ein paar Tage später aus dem Koma aufwacht und auf seinen frisch ausgestellten Personalausweis schaut, bekommt er den germanischen Flash.

Zweisam. Die Regisseure Tilman (links) und Karl-Friedrich König.
Zweisam. Die Regisseure Tilman (links) und Karl-Friedrich König.Foto: promo

Rattatazong!, auf einmal wird alles um 180 Grad und von Weiß auf Schwarz gedreht und Sikumoya überholt die Rechten auf der rechten Spur. Er tritt einen Job als Integrationsbeauftragter der NPO an und weist gleich bei seiner ersten Pressekonferenz darauf hin, dass „alles Undeutsche ausgerottet werden muss“. Der neue Integrationsbeauftragte verfolgt dabei einen ganz eigenen Ansatz.

Undeutsch ist zum Beispiel der sächsische Akzent seiner Parteigenossen, die er außerdem mit einer recht unkonventionellen Argumentationskette überrascht: „Hitler hat im Gefängnis gesessen, er war kriminell und hätte ausgewiesen werden müssen!“ Dem sächsischen Wahlvolk verspricht er die Grenzen von 1989 und deklamiert dazu Goethe: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Und was die Frage betrifft, wer denn deutsch ist und warum: Sikumoya fragt bei seinen kurzhaarigen Parteigenossen Gedichte ab, er lässt Volkslieder singen und verlangt die Preisgabe alles Fremden – worauf die Nationalen Patrioten ihre amerikanischen Jeans und japanischen Handys ins Feuer werfen und dazu ergriffen „Für Deutschland!“ murmeln.

Der Mann lacht einfach viel

Auf dem Weg zurück zur alten Identität gibt es noch ein paar Umwege, auf denen man vergeblich nach moralischer Erpressung und schlechter Kunst sucht, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Mal abgesehen davon, dass eine Groteske über den deutschen Alltagsrassismus nicht immer höchsten künstlerischen Maßstäben genügen kann, ja gar nicht darf, wenn sie ein breitgefächertes Publikum erreichen will. Aloysius Itoka gefällt sich jedenfalls als schwarzer Scharfmacher, „ich kann wunderbar über mich selbst lachen“, und das tut er laut und ausgiebig. Der Mann lacht einfach viel gern.

Zur Berliner Premiere kommt auch ein SPD-Bundestagsabgeordneter ins Babylon, vorher war Aloysius Itoka auf Einladung von Wolfgang Thierse schon im Bundestag zu Gast. „Ein wirklich sehr angenehmer und interessierter Mensch.“ Thierse dient dem Projekt als Schirmherr, und interessanterweise hat er Itoka auch gefragt, was schon die sehr blonden und sehr deutschen Volksgenossen im Film immer wissen wollen: „Wo ist eigentlich Ihre Heimat?“ Aloysius Itoka sagt, die Frage habe ihn so unerwartet getroffen, dass er schon einen Augenblick überlegen musste, „so drei, vier Sekunden lang“. Und? „Natürlich ist Berlin meine Heimat. Was denn sonst?“

„Der schwarze Nazi“ läuft noch am 22., 24. und 25. April im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte.

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