Berlin : Der Schwedencoup

Vor Wittstocks Stadtmauer errangen die Skandinavier im Dreißigjährigen Krieg einen wichtigen Sieg Daran erinnert hier vieles in historischen Gassen. Dennoch ist Wittstock oft nur als Autobahndreieck bekannt

Claus-Dieter Steyer

Ausgerechnet im Fürstentum Monaco bestimmt Wittstock derzeit die Schlagzeilen. Der Name der Kleinstadt im Norden Brandenburgs steht auf Titelseiten, taucht in TV- und Radiosendungen auf und bewegt die Gemüter in den Bars im mondänen Monte Carlo. Und jedes Mal löst der Name Wittstock ein Lächeln aus,

Mit Wittstock verbinden die Monegassen allerdings keine Stadt, sondern den aktuellen Stern an der Seite ihres Fürsten Albert. Der Monarch hat sich in die ehemalige südafrikanische Olympiaschwimmerin Charlene Wittstock so verliebt, dass schon von der neuen Fürstin gesprochen wird. Bei einer glamourösen Hochzeit wäre Wittstock also auch außerhalb Monacos in aller Munde – wovon bei einem geschickten Werbekonzept auch der märkische Flecken an der Dosse profitieren könnte.

Werbung kann das mittelalterliche Wittstock gut gebrauchen. Als sich kürzlich Gymnasiasten in Berlin nach dem Bekanntheitsgrad ihrer Stadt erkundigten, fiel das Ergebnis sowohl auf dem Kurfürstendamm als auch auf dem Alexanderplatz ernüchternd aus. Nur etwa ein Drittel der 370 Befragten konnte mit dem Ortsnamen etwas anfangen. Manche verstanden „Woodstock“, andere verbanden den Namen mit einem Berliner Schuhladen oder dachten an eine Stadt bei Dresden. Am ehesten war der Stadtname noch als Bezeichnung des Autobahndreiecks auf dem Weg nach Hamburg oder im Zusammenhang mit dem umstrittenen „Bombodrom“ bekannt.

Ausgerechnet im viel weiter entfernten Schweden hätte eine solche Umfrage ganz andere Ergebnisse gebracht. Denn dort wissen die meisten Menschen über Wittstock in Brandenburg gut Bescheid. Schließlich steht der Name in vielen Geschichtsbüchern – als Schauplatz für eine der größten und erbittersten Schlachten des schwedischen Heeres und Dreißigjährigen Krieges. Am 24. September 1636 schlugen die nordischen Regimenter am Scharfenberg vor den Toren Wittstocks die verbündeten kaiserlichen und sächsischen Truppen. Der opferreiche Sieg sicherte den Schweden nicht nur eine lange Vorherrschaft im Norden Deutschlands. Ihr Triumpf verlängerte auch die blutigen Auseinandersetzungen bis 1648: Die Folge war der Dreißigjährige Krieg.

Alle Einzelheiten erläutert heute das in Deutschland einmalige Museum zum Dreißigjährigen Krieg in der alten Bischofsburg. Rund 2000 bis 3000 Nachfahren der einstigen Sieger besuchen jährlich die eindrucksvolle Ausstellung . Ganze militärische Abordnungen reisen alle zwei Jahre nach Wittstock. Dann erleben sie auf dem Originalkampffeld auch das Open-Air-Spektakel: „Die Schweden kommen“. Die meisten Traditionsregimenter der schwedischen Armee tragen bis heute auf ihren Fahnen noch den Namen „Wittstock“.

Dezent werden in den Erinnerungen allerdings die „begünstigenden Umstände“ für den Sieg ausgeblendet. Denn keineswegs war dieser nur eine taktischen Meisterleistung des schwedischen Kommandeurs Johan Baner, der kurz nach Sonnenuntergang zum entscheidenden Schlag angesetzt hatte. „Vor allem die sächsischen Soldaten haben es den Schweden leicht gemacht“, erzählt der frühere Museumsdirektor Wolfgang Dost. „Die waren zwar gut ausgebildet, aber ziemlich feige. Sie rannten vor dem nur scheinbar überlegenen Gegner in der Dunkelheit weg.“ Das sollte sie teuer zu stehen kommen, denn die Schweden verfolgten ihre Gegner bis weit über die Elbe und die Havel.

Ganz so weit dehnt sich das heutige Wittstocker Territorium zwar nicht aus, aber die vor drei Jahren beschlossene Gebietsreform machte den Ort immerhin zur viertgrößten Stadt Deutschlands – wenn man die Flächen vergleicht. Mit 391 Quadratkilometern liegt Wittstock nur hinter Berlin, Hamburg und Köln. Im Stadtparlament sind 18 Ortsteile vertreten, aber in der vermeintlichen Großstadt leben nur 18 000 Menschen.

Die Gebietsreform veränderte nicht nur die Landkarte. Sie führte zwangsweise auch die Gegner und Befürworter des im südöstlichen Umland von Wittstock geplanten Luft-Boden- Schießplatzes zusammen. Seit den fünfziger Jahren hatte dort schon die Rote Armee ein „Bombodrom“. Nach der Wende sollte das Gelände in der Kyritz-Ruppiner-Heide erst touristisch erschlossen werden, seit 1992 ficht aber die Bundeswehr dafür, das „Bombodrom“ weiter als Schießplatz zu nutzen.

Nach dem Abzug der russischen Truppen äußerte sich die Stadt anfangs stets positiv. Man erhoffte sich durch eine Garnison viele Jobs in einer Gegend mit fast 20-prozentiger Arbeitslosigkeit. Die Bürgerinitiativen „Freie Heide“ und „Pro Heide“ kämpfen dagegen für eine friedliche Nutzung der Landschaft und haben inzwischen auch die meisten Stadtverordneten auf ihrer Seite. Nur der Tourismus könne dauerhaft Arbeit und Auskommen sichern, heißt es. Hundert Protestmärsche gab es bereits, doch gestritten wird zurzeit vor allem auf juristischem Feld.

Sollte der Tourismus siegen, wird Wittstock vielleicht einmal so bekannt, dass niemand mehr beim Ortsnamen zuerst an das Fürstentum Monaco, „Woodstock“ oder an die Autobahn denkt.

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