Berlin : „Der Senat bricht permanent sein Wort“

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Bäderschließungen, gestrichene Zuschüsse für Trainer und Auswärtsfahrten – seit dem Antritt der rot-roten Koalition beklagt der Berliner Sport massive Einschnitte. Sportsenator Klaus Böger (SPD) verteidigte bislang den Sparkurs. Nun geht der Chef des Landessportbundes, Peter Hanisch, auf Konfrontation. Anlass: Das Landesinstitut für Sportmedizin soll keine Gelder mehr bekommen.

Herr Hanisch, sind Sie schon aus der SPD ausgetreten?

Ich trage mich ernsthaft mit diesem Gedanken. Ich bin jetzt seit 42 Jahren Parteimitglied – weil ich immer glaubte, mit der Sozialdemokratie gibt es mehr soziale Gerechtigkeit. Aber wenn ich sehe, dass der Berliner Senat unter Führung der SPD mit dem Rasenmäher durch den Berliner Sport geht und Finanzzusagen innerhalb von wenigen Tagen bricht, dann ist meine persönliche Schmerzgrenze erreicht.

Was regt Sie denn plötzlich so auf?

Zuerst wurde die Sportförderung um zehn Prozent abgesenkt, dann noch mal um fünf. Kaum waren wir damit fertig, wurden uns die Führungsakademie des Sports und das Olympische Institut gestrichen. In dieser Woche nun hat das Parlament beschlossen, die Förderung der Sportmedizin zu kappen. Noch vor wenigen Wochen hat man uns einen Jahresetat von zehn Millionen Euro zugesichert – inzwischen ist es schon wieder eine halbe Million weniger. Dieser Senat bricht permanent sein Wort. Nicht zu reden von der Schließung von 14 Schwimmbädern.

Der Senat hat den Schwimmvereinen immerhin Ersatz versprochen.

Ersatz? Die Schwimmer aus Pankow müssen nun nach Wedding fahren, und dort haben sie nur ein Viertel ihrer bisherigen Trainingszeit. Das wurde alles entschieden, ohne dass man uns mal gefragt hat.

Aber Berlin ist pleite. Auch im Sport muss gespart werden.

Wir haben Vorschläge für Einsparungen gemacht. Wir haben dem Senat etwa Immobilien am Wannsee und am Olympiastadion vorgeschlagen, die er zugunsten der Sportförderung verkaufen sollte. Wir haben gesagt, welche Bäder zusammengelegt werden können. Von 82 Großveranstaltungen haben wir auf 45 verzichtet. Deutsche Segelmeisterschaften, internationale Turnsport-Turniere oder der Radklassiker „Rund um Berlin“ müssen wahrscheinlich abgesagt werden. Das sind große Opfer, die wir gebracht haben.

Und bei der Sportmedizin?

Auch da haben wir ein Konzept vorgelegt. Bisher hat die Untersuchung von Sporttalenten insgesamt 1,5 Millionen Euro pro Jahr gekostet. Wir haben einen Plan vorgelegt, nachdem die kostenlose Betreuung der Sporttalente nur noch 400 000 Euro kosten würde. Aber der Senat zeigt überhaupt kein Interesse an unseren Konzepten.

Kann das Landesinstitut für Sportmedizin nicht privatisiert werden?

Natürlich kann es das. Aber dann kostet jede Untersuchung eine Menge Geld. Bisher konnten Kinder für ein paar Euro zum Arzt gehen. Wenn aber 50 Euro pro Termin verlangt werden, schicken viele Eltern ihre Kinder nicht mehr hin. Wir haben allein im letzten Jahr 444 Fälle gehabt, bei denen ein Sportarzt jungen Sportlern von der bisherigen Betätigung abgeraten hat. Das zeigt, wie wichtig diese Untersuchungen sind. Doch das scheint keinen mehr zu interessieren.

Vielleicht liegt das daran, dass Sie nur den organisierten Sport vertreten. Viele Menschen wollen heute Sport treiben, ohne in einen Verein zu gehen.

Der Sport öffnet sich. Wir haben Kursprogramme aufgelegt, damit Kinder und Jugendliche in Vereinen mitmachen können, ohne einzutreten. Da kann jeder für ein paar Euro Gymnastik machen oder mitschwimmen, wann er will. Und er ist dabei sogar versichert. Wir sind nicht nur eine halbe Million Menschen im Landessportbund. Wir betreuen noch einmal so viele Leute, die nur ab und zu kommen.

Also eine Million Menschen. Das klingt nach einer großen Lobby. Warum hört man von diesen Leuten nichts?

Vielleicht sind wir zu ruhig gewesen. Aber jetzt ist Schluss. Wenn der Senat diese konzeptionslose Sparpolitik fortsetzt, werden wir den Dialog aufkündigen. Wir werden auf die Straße gehen und nicht mehr offiziell mit den Senatoren reden. Und Ehrenkarten für die Politiker bei Sportveranstaltungen gibt es auch nicht mehr. Vielleicht hilft das ja.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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