Berlin : Der Senat lässt die Sonne ins Netz der Stadt

Thomas Loy

Berlin steht vor einem Solarboom. Nachdem unübersichtliche Förderinstrumente und regelmäßig wiederkehrende Haushaltssperren den Neubau von Solaranlagen jahrelang gebremst hatten, scheint nun der Durchbruch zur "Solarhauptstadt" gelungen. Die beim Finanzsenator neu eingerichtete Energiewirtschaftsstelle wird den Stromeinkauf für das Land ab 2001 an die Bedingung knüpfen, dass der Anteil von Strom aus regenerativen Quellen jährlich um zwei Prozent wächst, wobei ein Drittel davon aus Berliner Solaranlagen gespeist werden muss.

Ein entsprechender Abgeordnetenhausbeschluss vom Herbst 1999 werde ohne weitere Diskussion umgesetzt, bestätigte die Finanzverwaltung gegenüber dem Tagesspiegel. Ein Beschluss des Senats sei nicht erforderlich. "Das bedeutet ein enormes Investitionsprogramm für die Solarwirtschaft", sagt Olaf Weidner von der Bewag. Der Berliner Stromversorger ist noch bis 2002 Stromlieferant des Landes und erwartet neue Verhandlungen über die Umsetzung des Beschlusses. Denn die könnte schwierig werden.

Laut Bewag werden mit den derzeitigen Förderinstrumenten bis Ende dieses Jahres maximal vier bis fünf Megawatt Solarstromleistung auf Berliner Dächern installiert sein. Um 0,7 Prozent des Stromverbrauchs in öffentlichen Gebäuden des Landes bereitstellen zu können, müssten es aber mindestens acht Megawatt sein. "Dazu brauchen wir zusätzliche Förderimpulse", so Weidner. Oder das Land würde Übergangslösungen einräumen, etwa Solarenergie zunächst aus Brandenburg zukaufen.

Mit dem Solarstrom-Beschluss hat sich Berlin langfristig an die Bewag gebunden, denn über sein eigenes Förderprogramm, die Solarstrombörse, hat sich der Energieversorger quasi das Anrecht auf 3,5 Megawatt Stromleistung gesichert. "Wir sind damit der größte Anbieter von Solarstrom in Berlin", so Weidner.

Carsten Körnig von der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft sieht in der Umsetzung des Beschlusses allerdings keine unnehmbare Hürde. "Wir verzeichnen schon jetzt einen Nachfrageschub." Im März werde man eine neue Kampagne starten, um für den Bau von privaten Solaranlagen zu werben. Mit dem zinslosen Darlehen aus dem 100 000-Dächer-Programm der Bundesregierung und dem geplanten Garantiepreis für Solarstrom von 99 Pfennig pro Kilowattstunde gebe es quasi kein finanzielles Risiko mehr für Hausbesitzer. "Die Anlagenproduzenten sind dazu übergegangen, auch als Betreiber aufzutreten und den Solarstrom gleich selbst zu vermarkten", so Körnig. Unternehmen wie die Bahn mit ihren Immobilien oder Wohnungsbaugesellschaften bräuchten nur noch die Flächen zur Verfügung zu stellen, "und Flächen gibt es genug in Berlin."

Körnig ist sich sicher, dass das Berliner Programm "weltweit für Aufsehen sorgen und Nachahmer finden wird". Gegenwärtig erzeugen Sonnenkollektoren auf einer Fläche von etwa 30 000 Quadratmetern etwa drei Megawatt Stromleistung. Eigentlich hätten es bereits zehn Megawatt sein sollen, wie Umweltsenator Strieder schon vor Jahren versprochen hatte. Mit einigen Jahren Verspätung könnte sich seine Vision von der Solarhauptstadt aber noch erfüllen.

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