Berlin : Der Sohn des Pianisten

Andrzej Szpilmans Vater hat das Warschauer Ghetto überlebt. Roman Polanski drehte über sein Schicksal einen Film

Andreas Conrad

Begegnung im Hotelflur, kurze Umarmung. Der Vater kommt aus seinem Interview, der Sohn will hinein. Nichts Ungewöhnliches, nur könnte der Vater vom Alter her ohne weiteres der Sohn sein. Denn Adrien Brody ist Wladyslaw Szpilman, der Pianist in Roman Polanskis Film, aber Andrzej ist eben nur Andrzej, der Sohn. Dennoch keine beiläufige Umarmung, vielmehr eine voller Herzlichkeit. Der Sohn des Pianisten muss mit seinem Filmvater sehr zufrieden sein. Oder?

Szpilman nickt, erzählt, wie die Filmfamilie bei den Dreharbeiten in Warschauihn und seine Familie besuchte. „Ich bin deine Tante, ich dein Onkel, dein Großvater, die Freundin deines Vaters“ – sehr bewegend sei das gewesen. Mit Adrien hat er sich dann noch einige Male getroffen, sich über neue Techniken in der Musikproduktion unterhalten„ein sehr sympathischer sensibler Mann, von sehr sanften Wesen“. Szpilman fragt sich noch immer, wie Brody in so einer Rolle zurecht kam. Zehn Mal hat er selbst den Film bis jetzt gesehen, „ein Meisterwerk, das uns überdauern wird“. Nicht zuletzt weil Polanski auf die Brutalitäten des Buches verzichtet hat zugunsten der Geschichte, dass es „nicht sein Anliegen war, einen Schocker zu machen“. 1946 ist das Buch zum ersten Mal veröffentlicht worden, in Polen, von der Zensur entstellt. Aus dem deutschen Offizier, der seinen Vater gerettet hatte, war ein Österreicher geworden, sein Vater erfuhr davon erst nach einer längeren Auslandstournee. Mit zwölf hatte Andrzej Szpilman das Buch heimlich aus dem Bücherschrank gefischt, sein Vater sprach damals nie über sein Leben im Krieg. Erst viel später, ermuntert auch durch den befreundeten Wolf Biermann, konnte er den Vater überzeugen, das Buch, von den Zensureingriffen befreit, noch einmal veröffentlichen zu lassen, diesmal in Deutschland, Beginn für einen weltweiten Erfolg.

Seinen Retter Wilm Hosenfeld hat Wladyslaw Szpilman nie wieder gesehen. Ein befreundeter polnischer Musiker hatte ihm kurz nach Kriegsende berichtet, dass er einen Deutschen, der sich als Retter Szpilmans bezeichnete, in einem Gefangenenlager getroffen habe, danach verlor sich die Spur. Den Namen des Offiziers kannte sein Vater da noch nicht, hatte ihn bei ihren Begegnungen nicht wissen wollen, aus Angst, ihn unter Folter zu verraten. Erst 1950 erhielt er von der Frau Hosenfelds einen Brief, ein anderer Mann, der ebenfalls Hosenfeld sein Leben verdankte, hatte den Kontakt hergestellt. Helfen konnte Szpilman unter der damals sich verschärfenden Repression nicht, und 1952 starb Hosenfeld in sowjetischer Gefangenschaft an Hirnschlag. Immerhin konnte Szpilman später bei einer Auslandstournee die Familie des Toten besuchen.

Andrzej Szpilman, der in Warschau als Zahnarzt und Musikproduzent arbeitet, hat einmal über eine Patientin von einem ehemaligen Wehrmachtssoldaten erfahren, der den Retter seines Vaters aus der Gefangenschaft kannte. Eine Begegnung lehnte dieser aber ab: Hauptmann Hosenfeld war für ihn nach wie vor ein Verräter.

Drei Mal hat Andrzej Szpilmans Vater mit Polanski getroffen, das erste Mal 1967 in Los Angeles, dann Jahre später in Warschau in einem Literatenclub, wohin Polanski bei Warschau-Besuchen gerne komme, um Piroggen zu essen. Ein Freund hatte dem Regisseur dann das Buch geschickt, innerhalb einer Woche hatte sich der Regisseur entschlossen, dass dies sein neuer Film würde. Er traf Wladyslaw Szpilman dann noch einmal, um mit ihm den Film zu besprechen, dessen Premiere der Pianist nicht mehr erlebte.

Wladyslaw Szpilman: Der Pianist. Mein wunderbares Überleben. Ullstein Taschenbuch, München 2002. 232 Seiten, 7,95 Euro

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