Berlin : Der Sound der City

Volker Straebel

Brummen, Hupen und Kreischen - Bruce Odland und Sam Auinger in der ParochialkircheVolker Straebel

Berlin Tönt. Die Stadt rauscht und brummt, sie hupt und kreischt. Ein unerschöpfliches Reservoir von Klängen bildet ihre charakteristische Klanglandschaft, ihre "Soundscape", die sich mit den Tages- und Jahreszeiten stetig verändert, die von Viertel zu Viertel, von Straße zu Straße wechselt und die Geschichte einer Gegend spiegelt: Baustellen und Spielplätze, Half-Pipes und Straßenbahnlinien kommen und gehen mit ihren jeweils typischen Klängen.

In den siebziger Jahren begründete der kanadische Komponist Murray Schaffer die klangökologische Forschung. Ausgehend von der ästhetisierenden Deutung der Alltagsgeräusche von John Cage und ersten "Klangspaziergängen" durch New Yorks Central Park von Philip Corner rückte Schaffer die uns umgebenden Klanglandschaften ins Bewusstsein einer ganzen Komponistengeneration. Diese ließ es jedoch nicht mit der Sensibilisierung der Hörer für die ohnehin vorhandenen Umweltklänge bewenden, sondern sie ging daran, Soundscapes selbst zu komponieren. Seither entstand eine Vielzahl von Tonbandstücken zwischen naturalistischem Dokument (wer zählt die CDs mit röhrenden Hirschen und singenden Walen!) und musikalisch angelegter Collage.

Auch Klanginstallationen lassen sich als künstliche Klanglandschaften verstehen. Ist ihr tönendes Material der realen klingenden Welt entnommen, können reizvolle Bezüge entstehen zwischen ihrem tatsächlichen Ort und dem, den die Klänge evozieren. Götz Lemberg hat im Hauptpumpwerk Wilmersdorf diesen Versuch unternommen. In der Haupthalle des neuen dekonstruktivistischen Baus von Ackermann und Partner (München) erklingen - von langen Pausen ruhig getrennt - unterschiedliche Wasserklänge aus acht Lautsprechern. Wellenrauschen, Gluckern, das Zischen beim Öffnen einer Sprudelflasche eröffnen weite Assoziationen zum Thema Wasser, während der Blick über das Röhrenlabyrinth mit Elektrokreisel- und Dieselpumpen schweift. Das Element, dem diese Maschinerie gewidmet ist, bleibt dem Auge verborgen, doch in seiner akustischen Repräsentation, gelangt es zu sinnlicher Präsenz.

Götz Lemberg ist kein Purist, wie seine Installation "PLOP" beweist. Das starre Surren der Motoren, der wechselnde Rhythmus der Pumpgeräusche wird von ihm nicht thematisiert. Die Maschinenhalle wird zur scheinbar neutralen Projektionsfläche für akustische Bilder, die Wasser in ganz verschiedenen Räumen und Dimensionen vorführen. Diese Brüche der akustischen Perspektive hinterlassen einen ebenso unbefriedigenden Eindruck wie die thematisch abgestimmte Textcollage, die im Wandelgang zwischen den beiden das Gebäude umschließenden Glasflächen erklingt. Der bildungsbürgerliche Zitatenschatz mit seinem Raunen von Reinheit und Erneuerung im lebenspendenden Quell bleibt ein konzeptioneller Fremdkörper in der insgesamt wenig überzeugenden Installation.

Auf ganz andere Weise geht das Künstlerduo Bruce Odland und Sam Auinger mit Alltagsklängen um. An der Fassade von Kirche und Gemeindehaus der Parochial-Gemeinde befestigten sie zwei zwölf und achtzehn Fuß lange Rohre, über die sie die Soundscape an der Klosterstraße in Mitte belauschen. Straßen- und S-Bahn-Geräusche, Wind, Baulärm und Stimmengewirr regen die "Tuning Tubes" zum Schwingen an und werden in einer Art akustischem Filter in ihrem Klang verändert. Zwei Lautsprecherpaare korrespondieren im Zentralraum der Parochialkirche mit der kreuzweisen Ausrichtung der mikrofonbestückten Röhren.

"Motet R" ist jedoch nicht einfach eine Klanginstallation, in der wechselnde Außenklänge zu einem stetig changierenden Geräuschband führen, in dem die Obertöne von B und F, den Grundtönen der Rohre, dominieren. Odland und Auinger steuern über eine MIDI-getriebene Filterbank ein 39-minütiges Stück, in dessen drei Abschnitten die Obertöne einen räumlichen cantus firmus bilden, die Rauschanteile weitestgehend herausgefiltert werden oder die Höhen von den massiven Bassklängen getrennt hoch oben in der Kuppel erklingen. Diese Struktur vermeidet jedoch nicht ganz den Eindruck einer new-age-seeligen Ruhe mit ihren Quint- und Quartfällen, der vertrauten Schichtung von Obertonreihen in B-Dur.

Dass die Klänge von "Motet R" live aus der akustischen Umgebung der Parochialkirche gebildet werden, verschafft der Installation allerdings ihren ästhetischen Reiz. Da schreckt ein Martinshorn den Hörer oder irgendein Außenklang trifft zufällig die Resonanzfrequenz einer Röhre und erzeugt eine gewaltige Sinusschwingung. im Kirchenschiff.Dazwischen liegt das Rauschen Berlins. Absichtslosigkeit und Kunst in glücklicher Verbindung.

Einen kleineren, experimentell überschaubaren Raum etabliert schließlich Bernhard Leitners Ton-Raum-Objekt "doppelschalig wölben" in der Akademie der Künste. Der Architekt und Klangkünstler stellte einen großzügigen, allein aus rechtwinklig gefügten Flächen gebildeten Lehnstuhl ins Foyer und hängte zwei unterschiedlich gekrümmte Metallbänder darüber. An diesen sind vier respektive sechs Lautsprecher befestigt, aus denen zwei verschiedene perkussive Muster erklingen.

Wie in seiner "Tonliege" und anderen Klangobjekten, die er seit den siebziger Jahren entwirft, spielt Leitner mit der Imagination eines musikalischen Raumes durch den Hörer. Das einfache Klangmaterial ist bald bekannt und die Konzentration richtet sich allein auf das Hin- und Herpendeln der kurzen Impulse auf den beiden gewölbten Ebenen. Hier wird kein Außenraum transportiert, der Hörer imaginiert keine fremden Orte. Allein der Raum musikalischer Repräsentation ist das Thema Bernhard Leitners sparsamen und konzentrierten Objektes. Dass es die Akademie in ihr unruhiges Foyer stellte, kann man nicht dem Künstler zum Vorwurf machen. Die begleitende Ausstellung mit Entwurfskizzen dokumentiert Leitners Arbeit der letzten zwanzig Jahre.Hauptpumpwerk Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 208, bis 29.8. Fr-So 14-20 Uhr; Hörgalerie Singuhr in der Parochialkirche, Klosterstraße in Berlin Mitte, bis 5.9. Do-So 14-20 Uhr; Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 26.9. tägl. 10-19 Uhr
© 1999

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