Berlin : Der Sozialist für den Mittelstand

Wirtschaftssenator Wolf besucht Unternehmer – und wehrt sich gegen schlechte Umfrageergebnisse

Marc Neller

Harald Wolf lässt sich in einer Reinickendorfer Fertigungshalle die Besonderheiten von Druckbehältern für Züge erläutern. Ab und zu nickt der Wirtschaftssenator. Etwa als Hugo Rossmann sagt: „Diese Teile hier wurden früher in Berlin montiert. Heute in England. Ist einfach billiger.“ Rossmanns Firma, die Rossmann Apparatebau GmbH, stellt unter anderem Technik her, wie sie die Deutsche Bahn in Zügen oder die BVG in U-Bahnen verwendet. Oder verwendet hat. Der Bahntechnik-Umsatz hat sich im vergangenen Jahr halbiert. „Die Aufträge zweier Großkunden, Siemens und Bombardier, sind ausgeblieben“, sagt Rossmann. „Hätten wir nicht 40 unserer 110 Mitarbeiter entlassen, gäbe es uns nicht mehr.“ Wolf nickt wieder.

Die Rossmann GmbH ist die vierte von sechs mittelständischen Berliner Firmen, die der Senator in diesen Tagen besucht, um sich deren Arbeit und Probleme erklären zu lassen. Was er zu hören bekommt, bestätigt, was zwei Wirtschaftsstudien Berlin jüngst bescheinigten: Die Wirtschaft ist schwer angeschlagen. „Um das zu wissen, hätte man diese Studien nicht gebraucht“, sagt Wolf. Was stimmt. Doch haben die Forscher des Allensbacher Instituts für Demoskopie rund 100 Mittelständler in Berlin befragt, ob ihnen gut geholfen wurde, als sie sich in Berlin ansiedeln wollten. Das führt etwas weg von Rossmanns Firma, weil es die schon sehr lange in Berlin gibt. Trotzdem ist das Ergebnis interessant: Letzter Platz für Berlin. Letzte Plätze für die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) und Berliner Banken.

Nötige Kredite gebe es oft nicht. Dafür zu viele Hürden, so die Autoren der Studie. Es dauere zu lange, bis eine Firma sich in Berlin niederlassen könne. Gerade der letzte Vorwurf wiegt schwer. Denn Wolf sagt: „Unsere One Stop Agency ist ein erfolgreicher Schritt, Mittelständler anzulocken.“ Rund 500 Anfragen habe die zentrale Stelle für Firmenberatung im Monat. „Und sie werden schnell bearbeitet.“ Warum die Firmen Berlin dann so kritisch bewerteten? Man müsse unterscheiden, sagt Wolf. Die IHK und die Banken hätten letzte Plätze belegt. „In der städtischen Wirtschaftsförderung ist Berlin Zwölfter.“ – Von 25. Schwach sind die anderen? „Die Institutionen machen zusammen das Klima aus. Wir können nur appellieren.“

Auch Leipzig hat eine Stelle eingerichtet, an der jeder gründungswillige Mittelständler einen festen Ansprechpartner hat, der ihn durch den Dschungel der Vorschriften geleitet. Laut Studie sind die Firmen zufrieden. Leipzig belegt Rang 1. Als Vorbild für Berlin sieht Harald Wolf das Modell nicht. Es ähnele der One Stop Agency. Außerdem könne man die Städte nicht vergleichen. „Berlin hat eine zweistufige Verwaltung. Die zwölf Bezirksämter betreuen Stadtteile, die fast so groß sind wie Leipzig.“ Und: „Dienstleistungen liegen im Trend.“ Hugo Rossmann nickt.

Er sorgt sich um die Berliner Industrie: „Jeder der 106 000 Arbeitsplätze, den sie nicht verliert, ist ein Erfolg.“

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