Berlin : Der Sprache beraubt

Ein falscher Genitiv kann ganz schön verwirren

Brigitte Grunert

Wenn Politiker reden, dann wollen sie für ihr Anliegen werben. In der Regel. Manchmal aber drücken sie sich um klare Worte, weil es Wähler verprellen könnte. Wie Politiker sprechen, und was sie wirklich meinen – alle zwei Wochen von .

Die rot-rote Koalition will das Pflegegeld für Blinde, hochgradig Sehbehinderte und Gehörlose kürzen. Klar, dass die Opposition dagegen ist. „Sie beschneiden die Betroffenen ihres eigenen Lebensstils“, wetterte der in Ehren ergraute Abgeordnete Ulrich Brinsa (CDU). Puh!Da hat er sich seiner eigenen Sprachkraft beraubt. Der Genitiv ist in Verbindung mit dem Verb beschneiden falsch und obendrein verwirrend. Nimmt man den Satz wörtlich, wurde dem Senat ein bisschen viel vorgeworfen. Nicht doch. Der Senat will weder hilflose Mensch noch irgendjemanden beschneiden, sondern die Ausgaben kürzen, auch die Sozialausgaben.

Der Abgeordnete hätte seinen Vorwurf in der Parlamentsdebatte sprachlich korrekt formuliert, wenn er etwa behauptet hätte: Sie berauben die Betroffenen ihres selbstständigen Lebens, indem Sie ihnen die Unterstützung für notwendige, aber teure Hilfsmittel entziehen. Dabei gibt es nur noch wenige Verben, die man mit der so genannten Genitivergänzung gebrauchen muss. Beschneiden gehörte noch nie dazu. Hingegen schreien nach dem zweiten Fall Verben wie gedenken, bedürfen, sich einer Sache/Person annehmen oder entledigen. Hilflose bedürfen der Zuwendung. Die Regierung nimmt sich der Sparpolitik an. Die Opposition nimmt sich der Opfer der Sparpolitik an. Viele Debattenredner entledigen sich ihrer Aufgabe in falschem Deutsch. Am Totensonntag gedenken wir der Toten. Wir gedenken nicht etwa den Toten oder den Opfern, wie wir neuerdings an Gedenktagen öfter im falschen Dativ zu hören bekommen.

Auch in bestimmten Redewendungen blieb die Genitivergänzung erhalten. Die Regierung waltet ihres Amtes. Nach Meinung der Koalition entbehrt die Kritik der Opposition jeder Grundlage, da die vorgesehene Kürzung des Pflegegeldes von der Finanznot diktiert sei und die Höhe der Zahlung nicht unter den Bundesdurchschnitt sinken werde. Wer attackiert wird, muss sich seiner Haut wehren. Er ist sich dessen bewusst. Mehrere Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Am liebsten hätte sie ihrem Ärger lauthals Luft gemacht. Brigitte Grunert

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