Berlin : DER SPURENSUCHER

Holger Hof ist Literaturwissenschaftler, Publizist und Herausgeber. Unter anderem gab er die letzten beiden Bände der Stuttgarter Ausgabe der Werke Gottfried Benns heraus sowie den Briefwechsel Benns mit Ernst Jünger.



Ich bin ja nicht im Fanclub von Gottfried Benn! Wenn ich mich mit ihm beschäftige, dann hat das nichts mit Identifikation zu tun. Zugegeben, ich erforsche ihn schon sehr ausführlich. Gerade erst ist meine große Biografie erschienen: „Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis“. Über einen so großen Dichter und Zeitzeugen wie Benn braucht es einfach immer wieder Biografien. Mein Motiv für das neue Buch waren eindeutig seine Texte. Benn, den finden manche ja auch gut, weil er ein kalter Hund war, aber für mich ist er ein großer Schriftsteller, das ist das Primäre.

Vor ein paar Jahren habe ich die letzten Bände der Werkausgabe herausgegeben, für den Klett-Cotta-Verlag. Hier in meinem Arbeitszimmer habe ich die Mikrofilme von Benns Arbeitsheften liegen. Sämtliche Handschriften aus dem Nachlass, alles bis zur Werkausgabe unveröffentlichtes Material. Wahnsinnig schwer zu lesen, anfangs kaum zu entziffern. Und alles ziemlich unsortiert und schwer zuzuordnen. Der Verlag hat die Bände dann im Jahresrhythmus veröffentlicht. Das war auch gut so, denn das bedeutete für mich konzentrierte und zügige Arbeit. Denn wenn man Lust gehabt hätte, hätte man auch zehn Jahre auf jeden Band verwenden können.

Man gerät bei solchen Arbeiten immer tiefer in ihren Kosmos hinein, das ist eben das Schicksal des Spezialisten. Einfach aufhören damit, das fällt dann immer schwerer. Genau jetzt nach meiner Biografie wäre eigentlich der Moment dazu gekommen. Aber da liegen immer noch diese vier Briefbände herum, alle unbearbeitet, die muss doch auch noch jemand herausgeben. Und dann gibt es auch noch die Arbeitshefte … In Wahrheit könnte ich ewig weitermachen.

Wenn Grundsympathie da ist, kann man sich eben lange mit einer Person beschäftigen. Bei Benn kommt noch der Glücksfall dazu, dass die Texte so gut sind, dass sie es vertragen, dass ich sie immer wieder lese. Die fangen nicht an zu nerven, für mich werden sie über die Jahre hinweg eher besser. In meiner neuen Biografie habe ich Benns Tagebücher zum ersten Mal systematisch eingearbeitet. Das sind solche Tageskalender, jeder Tag eine Seite. Da steht dann die Temperatur drin, der Kontostand, wer anruft und wer angerufen wird, wer ihm schreibt und wer einen Brief bekommt, in welche Kneipe er zum Biertrinken geht. Benn gewinnt beim Arbeiten mit diesen Kalendern immer mehr an Gesicht. Ich kenne ihn jetzt, aber gleichzeitig weiß ich natürlich genau, dass ich ihn trotz aller Kalender nie vollständig aufs Papier bringen werde. Ich kenne einen möglichen Benn – das ist doch auch schon etwas.

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