Berlin : Der Staatsanwalt will Silvio S. doch noch überführen

Nach Freispruch aus Mangel an Beweisen: Anklage legt Revision im Rossmann-Prozess ein

Kerstin Gehrke

Alles schien zu passen: ein paar Fasern an der Jacke der Toten, Täterbeschreibungen, das fehlende Alibi und auch die Vorstrafe des jungen Mannes wegen Raubes. Silvio S. werde in der „Gesamtschau“ überführt, hatte der Ankläger in seinem Plädoyer argumentiert und mit zehn Jahren Haft die höchstmögliche Jugendstrafe gefordert. Im Prozess um den Mord an Rossmann-Verkäuferin Regina G. wurde er am Montag jedoch freigesprochen. Gestern legte die Staatsanwaltschaft Revision ein.

Ein Erfolg allerdings wird in Justizkreisen angezweifelt. Viele Fragen sind nach den vorliegenden Ermittlungsergebnissen offen geblieben. Auch der Ehemann und die drei Töchter der Getöteten sahen nach den ersten Prozesstagen skeptisch auf die Beweislage. Zum Beispiel die drei Fasern. Sie waren die einzigen Spuren, die der Raubmörder am Tatort hinterließ. Ähnliche Fasern sicherten die Ermittler im „Lebensbereich“ des 21-jährigen S. Genauer: Sie wurden in einem Kleiderschrank in der Wohnung seiner Schwester festgestellt.

S. wohnte bei seiner Schwester. Die 29-Jährige wiederum ist mit einem wegen Raubes vorbestraften Mann verheiratet. In der Wohnung sollen etliche Männer mit kriminellem Hintergrund ein und ausgegangen sein. Die Schwester sagte im Prozess, an dem Schrank habe sich bedient, wer gerade eine Hose oder ein Shirt brauchte. Sie habe für alle gewaschen und die Kleidung unsortiert in den Schrank gepackt. Als die Polizei die Wohnung durchsuchte, sollen die Beamten alle Kleidungsstücke erst einmal auf einen Haufen geworfen und dann nach Besitzern sortiert haben. Fasern aber sind eine wandernde Spur.

Die Kleidung des Täters lag den Ermittlungen zufolge in jenem Kleiderschrank. Doch wer trug sie? War es Silvio S., der aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde? War es der Schwager, der im Frühjahr trotz einer Verurteilung zu vier Jahren Haft wegen Raubes Haftverschonung bekommen hatte und inzwischen untergetaucht sein soll? Oder war es einer der vielen Besucher? Der Verteidiger von Silvio S. hatte den Ermittlern vorgeworfen, sie hätten sich „sehr frühzeitig und scheuklappenartig“ auf S. fixiert.

Die Fasern allein reichen nicht. Das hatte auch der Staatsanwalt erklärt. Doch zusammen mit den Aussagen von Zeugen und dem fehlenden Alibi führe die Gesamtschau zu der Überzeugung, „dass wir mit S. den Täter haben“. Als Regina G. am Abend des 10. Dezember letzten Jahres die Rossmann-Filiale in der Bucher Wiltbergstraße verließ, waren zwei ihrer Kolleginnen an ihrer Seite. Eine der Frauen beschrieb den maskierten Mann, der plötzlich auf die 46-jährige G. eingestochen hatte, als groß und schlank. Sie erinnerte sich an ein schmales Gesicht mit spitzem Kinn. „Die Beschreibung trifft auf Silvio S. zu“, hieß es im Plädoyer der Anklage.

Doch andere Zeugen sprachen von einem eher dreieckigen Gesicht und einer Sonnenbrille. Den Richtern blieb nur die Feststellung, dass es „keine hinreichend sichere“ Beschreibung des Täters gebe. Und auch die Faserspuren würden „nicht unmittelbar“ auf S. als Täter deuten.

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