Berlin : Der Stadionpapst tritt ab

Vor der Eröffnung der neuen WM-Arena geht der alte Chef Peter Schließer in den Ruhestand

André Görke

Der Papst stand im Tunnel des Olympiastadions und war ziemlich orientierungslos. „Guter Mann, ich muss zum Altar“, sagte Johannes Paul II. und schaute hoch zu Peter Schließer. Der Stadionverwalter beugte sich hinab, zeigte den Kellergang hinab und sagte: „Da entlang.“

Acht Jahre ist die Szene her, Schließer, 1,90 Meter groß, muss sie immer wieder erzählen. „Es war eine der merkwürdigsten Anekdoten meiner Laufbahn“, sagt Schließer. Gestern wurde er von Sportsenator Klaus Böger in den Ruhestand verabschiedet. Nach 26 Jahren als Chef des Berliner Olympiastadions.

So ein bisschen wie der Papst soll er ja auch gewesen sein. Das sagen viele Kollegen, die ins Dorset-Haus hinterm Olympiastadion kamen, um bei Bratwurst, Bier und Bienenstich zu feiern. Klaus Böger zählte die Sportsenatoren auf, „die mit ihm arbeiteten … nein, die unter ihm dienten“. Für seine Dienste hat Schließer, 65 Jahre alt, 14 Urkunden vom Land Berlin erhalten, gestern die letzte. „Für Mr. Olympiastadion“, sagte Böger. So lautet Schließers Spitzname.

Es war der Tag der schönen Erinnerungen an ein altes Stadion, das an diesem Wochenende nach vier Jahren Bauzeit feierlich wiedereröffnet wird. In den Siebzigerjahren etwa stand der Fußballplatz im Olympiastadion völlig unter Wasser, erzählt Schließer, und deshalb drohte ein Bundesligaspiel von Hertha BSC auszufallen. Schließer rief im Hauptquartier der britischen Alliierten an, das hinter dem Olympiastadion lag, und bat um Hilfe. Eine Stunde später schwebte ein britischer Armeehubschrauber ins Stadion, flog nah ans Spielfeld heran und verdrängte das Wasser mit dem Wind der Rotorblätter vom Rasen. „So war’s damals“, sagt Schließer. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war er Organisator des Basketball-Turniers, bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 kümmerte er sich um die Ausrichtung der Spiele in Berlin. Seitdem wohnt er im Torhäuschen neben den Stadionkassen am Osttor, erst jetzt zieht er mit seiner Lebensgefährtin nach Westend. Das liegt gleich nebenan.

Der Abschied von Schließer in den Ruhestand passt in die Zeit, in der die neuen Betreiber die Organisation des renovierten Stadions übernehmen. Am Wochenende wird das Olympiastadion mit einer großen Feier eröffnet. Peter Schließer wird auf der Tribüne sitzen und sich Pink und Nena anhören, „am meisten freue ich mich allerdings auf Daniel Barenboim“. Und wenn die neuen Betreiber mal Hilfe brauchen? „Der hat sein Handy immer an“, sagt ein Funktionär. „Ohne ihn läuft bei der WM 2006 hier doch gar nichts.“

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