Berlin : Der Stasi eine Bühne ausgerechnet am 17. Juni

Tagung mit Mielkes Mitarbeitern wird zu Skandal - CDU, Grüne und Birthler-Behörde für Absage

Werner van Bebber

Thomas Wegener Friis hat sich viel vorgenommen: Der dänische Historiker organisiert eine Tagung im schönen Dahlem, zu der sich lauter Stasi-Größen versammeln sollen – und das ausgerechnet am 17. Juni. Im Harnack-Haus soll es genau 54 Jahre nach dem Arbeiteraufstand in der DDR um deren Auslandsaufklärung gehen. Das Projekt provoziert. Inzwischen kritisieren außer Fachleuten auch Politiker die Konferenz.

Genosse Werner Großmann, der zweite Mann hinter Stasi-Chef Erich Mielke, ist geladen, Kurt Gailat, Abteilungsleiter in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), Ralf Devaux, Horst Vogel, Gotthold Schramm, Gabriele Gast – so viel Aufklärungsprominenz der DDR hat sich angeblich noch nie auf einmal öffentlich versammelt und geäußert, um der freien Wissenschaft voranzuhelfen. Denn darum geht es Thomas Wegener Friis selbstredend. Der junge Geschichtswissenschaftler arbeitet an der Syddansk Universitet im dänischen Odense. Sein Ansatz bei der Tagung: Die Zeitzeugen sollen reden, so lange sie noch können (Großmann etwa ist 78 Jahre alt) – die Historiker werden schon mit ihnen fertig. Stimmungsmache geifernder DDR- Apologeten fürchtet Friis nicht. Friis setzt auf die klärende Wirkung der offenen Konfrontation. Die Argumente der Historiker gegen die Stasi-verengte Weltsicht „sind nicht so schwach“, sagt er und gibt sich überzeugt, dass die Veranstaltung am 16. und 17. Juni „ordentlich“ über die Bühne gehen wird.

Marianne Birthler, Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde, erwartet das offenbar nicht. Sie hat deshalb entschieden, dass kein Fachmann ihres Hauses an der Tagung teilnehmen darf. Das war anders geplant. Friis sagt, er habe vor Monaten die Zusage eines Fachmanns der Birthler-Behörde bekommen. Der Rückzug komme „relativ spät“ und wirke „befremdend“. Birthlers Sprecher Andreas Schulze nennt den Rückzug von der Tagung eine „politische Entscheidung“. Das Argument der Behördenchefin ist: Mit Leuten wie Großmann sollten Wissenschaftler der Stasiunterlagen-Behörde nicht „auf Augenhöhe“ diskutieren.

Völlig richtig sei das, meint Hubertus Knabe, Stasi-Forscher und Leiter der Gedenkstätte im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Leute wie Großmann hätten bei vielen Gelegenheiten deutlich gemacht, dass sie ihrer früheren Tätigkeit kein bisschen kritisch gegenüber stünden. Und Friis’ Konzept irritiert: Wenn er Zeitzeugen zum Reden bringen will – warum befragt er sie nicht, sondern lässt sie sozusagen als Fachleute die Stasi-Einrichtungen erklären, in denen sie gearbeitet haben? Großmann ist als Referent zum Thema „Geschichte und Aufgaben der HVA“ vorgesehen, Gailat soll über „Parteien in der Bundesrepublik“ vortragen. Wenn die Genossen Leiter und Stellvertreter nur als Zeitzeugen reden sollten, sagt Hubertus Knabe, hätte Friis sie zu Hause zum Reden bringen und ein Buch darüber schreiben sollen. Inzwischen drängt sich manchem der Eindruck auf, Friis wolle provozieren, um auf seine Arbeit aufmerksam zu machen. Ganz ehrlich ist er jedenfalls nicht. Dass seine Tagung am 17. Juni stattfinden soll, hatte die Leiterin des Museums Checkpoint Charlie, Alexandra Hildebrandt, mit der ihr eigenen Vehemenz angeprangert. Friis schrieb ihr, der 16. und der 17. Juni seien „der einzig freie Termin des Tagungshauses“ gewesen. Das sei „Quatsch“, heißt es dazu im Harnack-Haus. Inzwischen regt sich die Politik. CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger pflichtet Birthler bei: Es sei „absolut richtig“, sich an der Veranstaltung nicht zu beteiligen: „Es darf für die ehemaligen Stasi-Täter keine neue Bühne zur Verbreitung ihrer Geschichtsklitterung geben.“ Der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto, durch seine Arbeit für die Robert-Havemann-Stiftung mit der Stasi vertraut, sieht es ähnlich. Einen Großmann solle man nicht die eigene Einrichtung erklären lassen, sagt er. Die Stasi-Leute hätten bei dieser Tagung zu viel Raum für ihre Darstellung. Im Harnack-Haus prüft man nun, ob die Veranstaltung abgesagt wird.

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