Berlin : Der Stein des Anstoßes

Heinz Grünhagen kämpft um ein angemessenes Denkmal für die Opfer des 17. Juni. Doch in seiner Heimatstadt Strausberg interessiert das keinen

Sandra Dassler

Der Stein steht weit draußen vor der Stadt in einer Kaserneneinfahrt. Natürlich kann man diese Abgelegenheit begründen, denn irgendwie hat hier vor 50 Jahren alles begonnen. Damals wurde die Kaserne, die jetzt von der Bundeswehr genutzt wird, gerade errichtet. Auch diese Bauarbeiter streikten am 17. Juni 1953. Auch diese Bauarbeiter wurden zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Nur will das in Strausberg offenbar niemand mehr wissen.

Ein paar Wochen ist es jetzt her, da hat auf der Stadtverordnetenversammlung ein alter Mann das Wort ergriffen. Eine Schande sei es, sagte er, dass die Namen der Opfer auf dem Gedenkstein ebenso wenig erwähnt werden wie die Jahre, die sie im Gefängnis saßen. Die Stadtverordneten haben gegähnt oder verständnislos den Kopf geschüttelt: Kann der denn nie Ruhe geben? Dann ist einer von der PDS-Fraktion aufgestanden: „Wenn schon Namen, dann bitte aber auch die Namen unserer Opfer.“ Unserer Opfer? Der alte Mann hat nichts mehr gesagt, sondern versucht, die Tränen zurückzuhalten.

Schläge beim Verhör

Jede Nacht hatten sie den damals 20-Jährigen aus der Arrestzelle zum Verhör geholt. Immer und immer wieder hatten sie ihm abverlangt, zuzugeben, dass er und die anderen Streikenden auf Geheiß westlicher Geheimdienste gehandelt hätten. Immer und immer wieder hatte Heinz Grünhagen versichert, dass er noch nie einem Geheimdienstler begegnet sei. In der letzten Nacht stieß ihn sein Peiniger brutal zu Boden, verpasste ihm Fußtritte und stellte ihn an die Wand. Dann betraten zwei Zivilisten den Raum, die Russisch sprachen. Was, konnte der Arbeiter aus Strausberg nicht verstehen. Aber er bekam große Angst. Als die Russen gegangen waren, befahl der Stasi-Verhörer: „Hände runter und unterschreiben!“ Da unterschrieb Heinz Grünhagen das „Geständnis“.

Es brachte ihm knapp vier Jahre Gefängnis, er weiß immer noch nicht, wie er die Zeit überlebt hat. Manchmal fragen ihn Leute, warum er nach seiner Entlassung nicht in den Westen gegangen ist. „Ich wollte ja“, sagt er dann: „Aber ich konnte doch nicht meine Frau im Stich lassen und das Kind. Meine Frau hat immer zu mir gehalten, ich wäre mir wie ein Schwein vorgekommen, wenn ich abgehauen wäre.“

Seine Frau hält auch heute noch zu ihm. „Heinz, du musst die Vergangenheit jetzt endlich ruhen lassen“, bittet sie oft. Oder: „Was wissen wir denn, wie viel Zeit uns noch bleibt?“ „Sie hat Recht“, sagt Grünhagen. „Aber ich kann es nicht. Ich bin es meinen Kameraden von damals schuldig, dass ihr Leid nicht vergessen wird. Und andere können nichts mehr tun – die haben sie erschossen.“ Jetzt weint der alte Mann doch: „Wenn ich nicht so jung gewesen wäre, hätten die mich auch an die Wand gestellt.“

Beim nächsten runden Jubiläum zum 17. Juni wird niemand mehr da sein, der um die verlorenen Jahre weint wie Heinz Grünhagen. Auch deshalb kann er nicht aufhören, für den Gedenkstein in Strausberg zu kämpfen. Viele Jahre hat es gedauert, bis die von der PDS dominierte Stadtverordnetenversammlung der Errichtung des Denkmals zustimmte. Bedingung: Keine Namen, keine Haftjahre. Irgendwann ist er darauf eingegangen, um es kurz danach zu bereuen. „Die haben mich zermürbt und reingelegt“, erzählt er , „haben gesagt: Das ist der Kompromiss und du musst das jetzt unterschreiben. Ich hatte keine Kraft mehr, mich zu wehren.“ Als aber ausgerechnet ein PDS-Mann den Stein vor zwei Jahren einweihen sollte, weil der SPD-Bürgermeister im Urlaub war, hat Grünhagen Rot gesehen. Da hat er die Presse mobilisiert und sich geweigert, an der Einweihung teilzunehmen. Der Bürgermeister unterbrach schließlich seinen Urlaub.

Heute wird Strausberg von einem parteilosen Mann regiert. Der bemüht sich, den Eindruck zu erwecken, dass es die Stadt ernst meint mit der kritischen Aufarbeitung von Geschichte. „Herrn Grünhagen ist Unrecht widerfahren“, sagt er. „Ich habe ja angeboten, die Namen der Arrestierten am Gedenkstein zu verlesen.“ Es gehe ihm auch um das Image seiner Stadt, die „von den Medien immer wieder ungerechtfertigt als Hochburg ehemaliger NVA-Offiziere dargestellt“ werde. Die Medien haben tatsächlich oft über Strausberg berichtet: etwa über die beschämende Weigerung, jüdischen Alteigentümern eine angemessene Entschädigung zu zahlen oder über den Umgang mit dem ehemaligen Beigeordneten Friedhelm Zapf, der Unrechtmäßigkeiten beim Verkauf von Grundstücken aufdeckte und gefeuert wurde.

Strausberg ist eine schöne, grüne Stadt am See. Nur böse Zungen behaupten, dass die Straußenvögel aus Kunststoff, die als Markenzeichen an vielen Plätzen stehen, dem kollektiven Unterbewusstsein der Strausberger entschlüpft sind. Motto: Kopf in den Sand; oder: Regen von gestern macht uns nicht nass.

Aber einem wie Grünhagen hat der bittere Regen der Geschichte nicht nur nass gemacht, sondern das Leben zerstört. Dass er in der DDR blieb, haben ihm die Oberen nicht honoriert – im Gegenteil: beruflicher Aufstieg blieb ihm und seinem Sohn verwehrt. 36 Jahre lang musste Grünhagen schweigen – über den 17. Juni und die Jahre im Gefängnis. Als die Wende kam und er endlich reden konnte, stellte er fest, dass das Interesse oft nur geheuchelt war: Die im Osten fühlten sich irgendwie schuldig, die im Westen berührte das Thema nicht wirklich oder sie hatten Angst vor Geldforderungen.

Abzüge von der Sozialhilfe

Die paar Mark, die Grünhagen als Entschädigung für die Haftzeit erhielt, haben sie ihm prompt von der Sozialhilfe abgezogen. Es ist diese bürokratische Herzlosigkeit, dieses Desinteresse, das am meisten schmerzt. Das Gefühl, nur als lästiger Querulant zu gelten, teilt Grünhagen mit vielen Opfern des 17. Juni 1953. „Nach dem Jubiläum“, da ist er sich sicher, „kräht kein Hahn mehr nach uns.“ Dann werde auch der Gedenkstein, zu dem zuletzt immerhin einige Journalisten pilgerten, wieder in Vergessenheit geraten.

Auf der Stadtverordnetenversammlung in Strausberg vor drei Wochen protestierten auch Schüler. Sie bewarfen das Klubhaus am See, wo die Volksvertreter tagten, mit Eiern. Mit dem 17. Juni hatte das aber nichts zu tun – die Jungen und Mädchen bekundeten ihren Unmut über die Schließung der Schule. „Da sehen sie es“, sagte ein Abgeordneter: „Wir haben hier in Strausberg wirklich andere Probleme als den 17. Juni.“ Die Eierwerfer waren nicht viel jünger als Heinz Grünhagen, der 50 Jahre zuvor nichts weiter tat, als seinen Unmut über weniger Geld für mehr Arbeit auf der Straße auszudrücken.

Weitere Informationen im Internet:

www.tagesspiegel.de/17juni53

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