Berlin : Der Stein des Anstoßes

Morgen eröffnet das Deutsche Historische Museum neu Zeit, sich an dessen Gründung 1987 zu erinnern

Andreas Conrad

Vor einem Gebäude Wache zu schieben, gehört sicher nicht zu den aufregendsten polizeilichen Aufgaben. Aber tagaus, tagein, bei Sonne wie Regen um einen einsamen Steinklotz herumzulaufen, für seine Sicherheit zu sorgen und dabei auch noch die Würde des Amtes zu bewahren ... das erfordert fast übermenschliche Kräfte. Man kann sich die Erleichterung der Beamten vorstellen, als es am 13. November 1987 hieß: „Abrücken!“ Nicht länger sollte der Stein mit der Stiftungstafel des Deutschen Historischen Museums (DHM), rund zwei Wochen zuvor im Spreebogen enthüllt, polizeilichen Schutz genießen.

Es war ja klar, dass in West-Berlin ein Tag wie der 28. Oktober 1987 nicht ohne Protest ablaufen würde. Das Datum, das als 750. Geburtstag Berlins gilt, war für den Gründungsakt des Deutschen Historischen Museums ausgesucht worden, womit eine „nationale Aufgabe von europäischem Rang“ in Angriff genommen wurde, wie Bundeskanzler Helmut Kohl formulierte. Als er und Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen im Plenarsaal des Reichstags die Gründungsvereinbarung unterzeichneten, fehlten die Transparente – und parlamentarische Gegner des Projekts wie Oppositionsführer Walter Momper waren gleich ganz weggeblieben. Zuvor bei der Enthüllung der Stiftungstafel im Spreebogen waren die Protestbanner aber nicht zu übersehen gewesen: „Das ist die Berliner Gruft, Gruft, Gruft“, stand dort zu lesen. Ein Museum von Kohls Gnaden konnten sich die Gegner nur als konservative Propagandaschau vorstellen. Das ließ Schlimmes für den Stein mit der bronzenen, etwa einen Quadratmeter großen Stiftungstafel befürchten, der am künftigen Standort des Museums in den Berliner Sand gesetzt worden war, zwischen Moltkebrücke, Kongresshalle und Schweizer Botschaft, exakt da, wo sich heute das Kanzleramt befindet. Am 1. Mai waren die traditionellen Feiern in Kreuzberg zum ersten Mal in massive Krawalle umgeschlagen. Auch misstrauten die Behörden den Kreuzberger Stadtindianern und verbündeten Stämmen. Würden sie den Stein besudeln, die Bronzeplatte gar entführen? „Die alternative Szene sieht darin einen hohen Symbolwert, es besteht daher eine hohe Gefahr der Zerstörung“, rechtfertigte der Sprecher der Innenverwaltung, Birkenbeul, gegenüber dem Tagesspiegel den Dauerpolizeieinsatz. Seit der Enthüllung war der Stein unentwegt von mindestens einem Beamten im 90-minütigen Wechsel bewacht worden, außerdem wurden in den Nächten und vereinzelt auch tagsüber Polizisten mit Diensthunden vorbeigeschickt.

Das hätte noch Jahre so weitergehen können. Erst für 1992/93 war der Baubeginn geplant. Allerdings hatte die Anfrage des Tagesspiegels zur Folge, dass die Wacht umgehend eingestellt wurde. Und mit der Wende war das Projekt an dieser Stelle ohnehin bald obsolet. Das Kanzleramt sollte nun in den Spreebogen, und als Standort des Museums wurde das Zeughaus, zu DDR-Zeiten Sitz des Museums für Deutsche Geschichte, bestimmt. Der Stein samt Plakette wurde im Vorfeld der Bauarbeiten zum Kanzleramt weggeräumt und lagert jetzt im Museumsdepot. Die Kreuzberger Autonomen hatten sich nie für ihn interessiert.

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