Berlin : Der Stein des Anstoßes

Am Gedenktag für ihre sozialistischen Ikonen spaltet ein Mahnmal für die Opfer des Stalinismus die PDS

Lars von Törne

Parteichef Klaus Lederer fühlt sich an die Zeit nach der Maueröffnung erinnert, als die zur PDS gewordene SED den Stalinismus verurteilte und altgediente Genossen verprellte. „Das, was wir jetzt erleben, ruft Debatten wach, die wir Anfang der 90er Jahre hatten“, sagt der Parteichef und fröstelt im Wind. Er steht am Sonntagfrüh an der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde. Gerade eben hat der 32-Jährige drei Nelken an den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht niedergelegt, um der am 15. Januar 1919 von Soldaten ermordeten KPD-Gründer zu gedenken, wie auch Zehntausende andere Anhänger der PDS und anderer linker Gruppen. Jetzt schaut er auf einen viereckigen Stein von etwa 40 mal 60 Zentimetern, der hundert Meter vor den Grabplatten Liebknechts und Luxemburgs in den Rasen eingelassen ist. Dieser Stein spaltet die Partei, auch wenn Lederer findet, dass man über sein Anliegen eigentlich gar nicht mehr streiten kann, „bei all dem, was wir heute wissen“.

„Den Opfern des Stalinismus“ steht in gemeißelten Buchstaben darauf. Seit einem Monat steht der Stein hier, gestiftet vom „Förderkreis der Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde“, in dem Mitglieder von SPD und Linkspartei/PDS zusammenarbeiten. Für viele PDS-Anhänger alter Prägung ist der Stein eine „dreiste Provokation“, wie auf einem Schild steht, das jemand an den Weg zur Gedenkstätte gestellt hat. Seit Wochen füllt das Thema die Leserbriefspalte der PDS-nahen Zeitung Neues Deutschland.

„Mit Antikommunismus lässt sich Faschismus nicht besiegen“, steht auf einem Transparent, das die Rentnerin Erika Baum am Sonntag vor dem Friedhof hochhält. „Der Stein hat eine antikommunistische Funktion“, sagt die 82-Jährige. „Stalinismus“ ist für sie wie für viele hier ein „bürgerlicher Kampfbegriff“, mit dem der Kommunismus diskreditiert werden soll, wie in einem Aufruf einiger PDS-Mitglieder steht. „Stalin hat Hitler geschlagen“, sagt Erika Baum.

„Wir sitzen hier zwischen Baum und Borke“, sagt Thomas Barthel, Sprecher der Berliner Linkspartei/PDS, nachdem er seine roten Nelken bei Liebknecht und Luxemburg abgelegt hat. „Einigen distanzieren wir uns zu wenig von unserer Geschichte, anderen zu viel – aber vielleicht ist der Platz zwischen allen Stühlen ja am nächsten an der Wahrheit.“

Wie zerrissen die Partei über den auch von der Bezirks-PDS unterstützten Gedenkstein ist, zeigen die Reaktionen an diesem Tag. Die meisten ignorieren den Stein, wie die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau – die ihn allerdings vor kurzem privat besucht hat, wie sie sagt. Auch Oskar Lafontaine, Linkspartei-Fraktionschef im Bundestag, Wirtschaftssenator Harald Wolf und Carola Bluhm, Linkspartei-Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus, lassen den Stein rechts liegen. Er finde es zwar „richtig, dass es den Stein gibt“, sagt Wolf. Aber an diesem Tag ehre man eben Luxemburg und Liebknecht, die sich ja von Gewalt und Unterdrückung distanziert hätten. Parteifreunde gehen nach der Ehrung für „Karl und Rosa“ gezielt zum neuen Gedenkort und legen dort Blumen ab. „Beides gehört für mich zusammen“, sagt Anita Kempt, Rentnerin aus Lichtenberg. „Wer sich über den Stein ärgert, hat die seit 1990 gemachten Bildungsangebote versäumt.“

Hinter der Gedenkstätte liegt ein anderer Stein, der ebenfalls widerstreitende Gefühle provoziert: Der Grabstein von Ex-Spionagechef Markus Wolf wird von der Parteiführung gemieden, viele Mitglieder legen aber auch hier eine Nelke ab. Nach ein paar Stunden liegen auf dem Stein für Wolf und dem für die Opfer des Stalinismus etwa gleich viele Blumen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben