Berlin : Der Stoff, aus dem die Sitze sind

Heike Gläser

Fast jeder saß schon einmal drauf, auf den plüschig rot-orangefarbenen Sitzen der BVG-Busse. Wenn die Sonne auf die Sitze fällt, schillert der Stoff so schön, findet Gisela Seppeler. Und schon war die Idee geboren: Sie wollte - zunächst für sich selbst - ein Kostüm aus den warmen, weichen Sitzbezügen schneidern lassen. Die BVG verkaufte ihr den Stoff, und so entstand der erste tragbare Sitzbezug im Chanel-Stil.

Auch die anderen Stücke, die Seppeler in der Folge entworfen hat, können sich sehen lassen: Kleider, Kostüme, Mützen, Taschen, Hüte und schließlich noch Pantoffeln, die allesamt den leicht piefigen Stoff in neuem Glanz erscheinen lassen. Das Material besteht zu 85 Prozent aus Wolle und sei angenehm zu tragen, findet Seppeler. Die 42-Jährige ist eine Quereinsteigerin in der Modebranche. Die gelernte Juristin betreibt ihre Anwaltskanzlei inzwischen nur noch nebenbei und widmet sich hauptsächlich ihrer Designer-Leidenschaft. Ungewöhnliche Ideen sind in Seppelers Familie keine Seltenheit. Urgroßvater Wenzel Vrany hat das erste Lagerbier gebraut und diverse Onkels waren erfinderische Ingenieure. So verwundert es wenig, dass sie ihr Modelabel VRANY genannt hat, eine Reminiszenz an ihre Vorfahren. Bisher gibt es ihre trendige BVG-Mode nur in einer kleinen Kollektion. Mit der BVG steht sie derzeit noch in Verhandlungen, inwieweit das Unternehmen Seppelers Mode-Idee für die eigene PR nutzen will.

Ihre Kollektion lässt sie bei Daniel Rodan fertigen. Der umtriebige Modemacher ist vor allem für sein ungewöhnliches Lederdesign stadtbekannt. Da die Sitzbezügestoffe ähnlich widerspenstig sind wie Leder, benötigt man für die Verarbeitung strapazierbare Ledernähmaschinen. Rodan steht innovativen Modeansätzen offen gegenüber, verarbeitet er doch selbst immer wieder ungewöhnliche Materialien. Jacken und Abendkleider aus Roulettetischbezügen etwa oder Kleider aus Melitta- und Swirl-Staubsaugertüten. Besonders aufregend ist seine Wurstpellen-Kollektion. Aus Natur- oder Kunstdarm fertigt der Modedesigner raffinierte Kleider im Monroe-Stil. Garantiert fettfrei. Doch auch die Verwertung von hochwertigem Material liegt ihm am Herzen. In mühevoller Arbeit schneidet er Lederreste in dünne Streifen, um daraus Leder-Strickmode zu zaubern. Für ein Strick-Minikleid beispielsweise werden ein Kilometer Lederstreifen verarbeitet, bei einem langen Abendkleid bereits beachtliche zweieinhalb Kilometer.

Auch Heike Ebner nutzt vorhandenes Material für ungewöhnliche Mode. Ihr haben es die rot-weiß-blau-karierten Plastiktüten angetan, die auch als "Polen-Bags" bekannt geworden sind. Daraus schneidert die 32-jährige Modedesignerin, die eigentlich Bühnen- und Maskenbild gelernt hat, hippe Jacken. Das unverwüstliche Material lässt sich mit einer normalen Nähmaschine bearbeiten. Ihre Workwear-Kollektion ist wasserfest und Wind abweisend - ganz Plaste und kaum Elaste.

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