Berlin : Der Stoff, aus dem ein Drama ist

Der Autor Lutz Hübner hat aus der Affäre der Bankgesellschaft ein Theaterstück gemacht

Werner van Bebber

Mittelbar spürt der Dramatiker Lutz Hübner etwas von der Wirkung des Bankenskandals. Seine Tochter geht jetzt in die Schule. Bücher müssen gekauft werden. Die Kitagebühren steigen. Berlin wird teurer. „Das Leben ist langsam nicht mehr zu bezahlen“, sagt der Mann, der für die Theaterfassung des Bankenskandals die Dialoge schreibt. Er sagt das ohne Larmoyanz oder Empörung. Hübner weiß vom Bankenskandal längst genug, um ihn in der Berliner Landschaft richtig unterzubringen. Nicht die Bankenaffäre hat die Finanzen der Stadt ruiniert. Aber die Bankenaffäre ist ein Grund dafür, dass die Stadt kein Geld mehr hat und alles teurer wird, was sie an Leistungen bietet.

Lutz Hübner, 40, sitzt in der Kantine des Maxim-Gorki-Theater, unterhalb der Bühne, auf der der Bankenskandal am 20. März uraufgeführt werden soll. „Bankenstück: Das Geld, die Stadt und die Wut“ heißt das Projekt, bei dem Volker Hesse die Regie führt. Hesse und Hübner haben im Sommer 2003 erstmals darüber gesprochen. Seitdem befasste sich Hübner mit dem Geld und der Stadt, in der er seit zehn Jahren lebt. Wut empfindet er nicht, doch hat er den Eindruck, dass sich unter den Berlinern kalte Wut auf die Politiker und die Politik ausbreitet.

Hübner meint, der Bankenskandal habe so etwas wie einen „politischen Flurschaden“ angerichtet: Bei allem, was mit Politik zu tun habe, sei den Berlinern „Resignation“ anzumerken, ein Vertrauensverlust, der nicht bloß eine Partei betrifft, sondern eine „absolute Entpolitisierung“ bewirkt hat, eine Null-Erwartung an die Politik. Aber Wut ist nicht der Stoff, aus dem das Bankenstück gemacht wird. Hübner will kein „Tribunal“ – das sei schnell langweilig im Theater. Hübner und Hesse haben so etwas wie einen dramatischen Großversuch auf der Bühne vor, mit fünf Hauptdarstellern, den Größen der Berliner Politik und der Bank als ihrer „Cash-Maschine“. Diese Fünf, so viel erzählt Hübner, sind Gestalten, geprägt von der West-Berliner Geschichte, aber nicht Schlüsselfiguren der Affäre.

Hübner hat West-Berlin nicht persönlich erlebt, aber er hat ein Dreivierteljahr gelesen, geforscht, mit vielen Leuten geredet, auch mit einigen, die in den Skandal verwickelt sind. West-Berlin erscheine ihm wie ein „gut gepflegtes Aquarium“, dessen Bewohner stets von außen ihr Futter bekommen haben. Dann fiel die Mauer, und es kam ein Boom der Erwartungen: Millionen neuer Bewohner erwartete die Politik zu Beginn der Neunziger. „Berlin geht ab“ – das sei das Grundgefühl in der Stadt gewesen. Aus dem Gefühl großer Erwartungen heraus sei die Bankgesellschaft gegründet worden.

Deren Untergang ist für Hübner nicht bloß ein Wirtschaftskrimi. Er will kein Drama „mit Bauhausstühlen in der Chefetage“. Hübner und Hesse wollen etwas inszenieren, das in Wirklichkeit nicht stattfindet – aber stattfinden sollte, damit wieder so etwas wie politische Erwartung entsteht. Wie wäre es, wenn die Hauptdarsteller ihr Handeln und ihre Bankgeschäfte denen erklären müssten, die jetzt dafür zahlen - oder auch sparen müssen? Also eine Art Befragung, ein großer politischer Streit. „Die Gegenrede eines Bankiers muss genauso überzeugend sein“, sagt Hübner. Das klingt wie ein Versprechen: Es könnte wirklich um mehr gehen als um Beschuldigungen: um Motivforschung, um Größenwahn und Kleinmut, um eine in sich wahre Geschichte, die Geschichte einer Bank, die eine ganze Stadt ein paar Jahre lang für eine Erfolgsgeschichte gehalten hat.

Hübner ist eine gespannte Freude auf die Aufführung anzumerken. Der Hausjurist hat seinen Text geprüft; insgesamt 25 bis 30 Akteure sollen zwei oder zweieinhalb Stunden Aufstieg und Untergang der Bankgesellschaft untersuchen. Am Text arbeitet er noch intensiv. Er erzählt, wie er mit sprachlichen Spuren im Text in das alte West-Berlin führen will, die untergegangene „Insel der Seligen.“ Und unterhaltsam solle es werden.

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