Berlin : Der Streit um die Spritze

Impfen oder nicht – selbst Ärzte sind uneins über die richtige Strategie gegen Kinderkrankheiten

Ingo Bach

Mumps, Masern, Röteln und Windpocken – sind diese Kinderkrankheiten harmlos oder eine Gefahr? Und sind Impfungen dagegen das Allheilmittel? Wie berichtet, warnen Mediziner, dass die Impfbereitschaft gerade bei jenen als harmloser geltenden Kinderkrankheiten bei vielen Eltern zurückgehe – im Gegensatz zu den als wesentlich gefährlicher anerkannten Krankheiten Diphtherie, Tetanus oder Kinderlähmung. Ärztevertreter fordern sogar schon einen Impfzwang für Kinder, die in Kita oder Schule kommen.

Noch entscheiden die Eltern allein, ob ihr Kind zum Beispiel gegen Mumps oder Masern geimpft wird. „Diejenigen, die in diesen Fällen das Risiko einer Nichtimpfung eingehen, unterstütze ich“, sagt Inge Fritz, Kinderärztin in Neukölln. Denn das Durchleben zum Beispiel von Masern sei ein wichtiger Schritt in der körperlichen und seelischen Entwicklung. Außerdem biete die überstandene Krankheit einen zuverlässigeren Schutz. „Dagegen müssen viele Impfungen wiederholt werden, um überhaupt eine vollständige Immunisierung zu erzeugen.“

Trotzdem hat Inge Fritz zu den so genannten Masernpartys „ein gespaltenes Verhältnis“. Dieses absichtliche Infizieren ihres Kindes bei einem erkrankten Altersgenossen sei bei manchen Eltern, besonders alternativ angehauchten mit nur einem Kind, derzeit supertrendig. Da würden sogar die Nuckel ausgetauscht, um auch wirklich die Infektion hinzukriegen, berichten fassungslose Kinderärzte.

Doch Masern sind nicht harmlos. So trete bei einem von 2000 daran erkrankten Kindern eine Hirnentzündung auf, sagt Inge Fritz. Nach Angaben von Experten verläuft ein Drittel dieser Hirnentzündungen tödlich, bei einem weiteren Drittel bleiben geistige Beeinträchtigungen zurück. „Und wenn das ein Kind trifft, das auf einer Masernparty absichtlich angesteckt wurde, dann machen sich die Eltern ein Leben lang Vorwürfe.“ Aber wenn die Infektion ohne Zutun erfolge, sei das nun mal „das Spiel des Lebens“.

Die meisten Doktoren sind anderer Ansicht. Sie raten den Eltern, die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen Immunisierungen vornehmen zu lassen. „Ich habe in den 70er Jahren genug Wildmasern und deren Folgen, wie zum Beispiel eine Hirnentzündung oder den Verlust des Gehöres, gesehen, um den Eltern dringend zu einer Impfung zu raten", sagt Elsge Schmidt-Aus, Kinderärztin und Homöopathin in Steglitz.

Heftig umstritten ist allerdings die neueste Empfehlung der Stiko, wonach Kinder zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat gegen Windpocken geschützt werden sollten. „Gefährliche Komplikationen bei einer Windpocken-Infektion sind unendlich selten“, sagt die Zehlendorfer Kinderärztin Christiane Ley. Das sei wohl eher eine „sozioökonomische Impfung“. Schließlich können Mutter oder Vater für eine Woche nicht arbeiten, wenn sie ihr krankes Kind pflegen.

Die Impfung gegen Windpocken sei in den USA seit zwei Jahren für viele schulpflichtige Kinder ein Muss, sagt der Berliner Impfexperte Burghard Stück. „Die hohe Akzeptanz rührt daher, dass in den USA eine Woche Verdienstausfall für die Eltern schmerzhaft ist.“ Denn es gebe keine Lohnfortzahlung wie in Deutschland. Trotzdem sei die Impfung auch medizinisch sinnvoll. Gefährlich können Windpocken vor allem für Erwachsene werden. So trügen erkrankte Schwangere das Risiko, ein Kind mit missgebildeten Gliedmaßen zu gebären.

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