Berlin : Der süße Rausch

Das erste Stück genehmigt er sich nach dem Aufstehen, damit er glücklich in den Tag starten kann. Je älter er wird, desto bittersüßer darf es sein. Jürgen Rausch gehört „Europas größtes Schokoladenhaus“ in Berlin. Ein Leben mit Leckereien – das ganze Jahr über. Nur im Januar wird gefastet

Heidemarie Mazuhn

Ohne Schokolade geht bei ihm nichts. Das erste Stück genehmigt sich Jürgen Rausch morgens nach dem Aufstehen gegen 6 Uhr. „Damit ich glücklich und gut in den Tag starte.“ Früher bevorzugte er dazu Vollmilchschokolade, heute ist er ein Gelegenheits-Bitterschokoladenesser. „Das ist vom Wind abhängig, nicht von der Stimmung“, erklärt er. „An manchen Tagen muss es einfach Edelbitter sein.“ Die stimmt, so sagt Rausch, noch glücklicher als Vollmilch und vor allem ruhig. Das macht der höhere Kakao-Anteil, je mehr, des besser. Der Mann weiß, wovon er spricht – am Gendarmenmarkt gehört ihm das mit 500 Quadratmetern „größte Schokoladenhaus Europas“.

Gegen 9 Uhr herrscht die Ruhe vor dem Sturm bei „Fassbender&Rausch Chocolatiers“ in der Charlottenstraße. Nur an den riesigen Schaufenstern drücken sich die ersten Touristen die Nase platt. Zu sehen gibt es genug: die Titanic, den Reichstag, das Brandenburger Tor und im Ladeninneren einen riesigen Weihnachtsmann. Dies alles aus dem Stoff, aus dem für Inhaber Jürgen Rausch die Träume sind: Schokolade.

Mit der ist er aufgewachsen, davon lebt die Familie in der vierten Generation, und, wie es aussieht, auch in der fünften. Der 16-jährige Sohn Robert besucht in England eine Internatsschule. Nach dem Abitur will aber auch er sich der Schokoladenherstellung widmen. Seit 1890 stellt der Familienbetrieb Leckereien her, von denen auch die Rauschs nicht genug bekommen können.

Über deren Varianten und Ingredienzen – seit 2000 gehört Plantagenschokolade aus Edel-Kakao zu den Rausch-Rennern – kann der Firmenchef regelrecht dozieren. Auch über den Zusammenhang zwischen Schokoladengenuss und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage. Je schlechter letztere sei, desto mehr suchten die Menschen nach einer Ersatzbefriedigung – bei allen Wirtschaftskrisen sei der Schokoladenkonsum gestiegen.

Da muss es einem um Deutschland regelrecht bange werden: Als sich bei Fassbender& Rausch um 10 Uhr endlich die Ladentüren öffnen, stürmen wahre Busladungen Schokosüchtiger das Geschäft. Vor dem 2,59 Meter hohen und 1,27 Meter breiten Weihnachtsmann in einer Ecke bleiben die meisten dann erst mal stehen – 137 Kilo Schokolade und Pralinen sowie elf Kilo Marzipan ist er schwer und aus 8000 kleinen Weihnachtsmännern und 3500 Pralinen zusammengesteckt.

Was die Rausch-Kunden am Gendarmenmarkt anschließend tütenweise aus dem Laden tragen, wird im niedersächsischen Peine produziert – ausgedacht hat sich Jürgen Rausch das meiste aber daheim in Berlin. Pralinen kreiert er sozusagen am Computer in seinem Büro über dem Laden, den er 1999 im Fassbender-Stammhaus in Mitte eröffnet hat. 1988 hat er die 125 Jahre alte Firma samt Rezepturen übernommen.

Gibt es einen Schokoladentrend? Ja, sagt der Chef: bitter. Vor allem Männer stehen drauf. Und je älter sie seien, desto bitterer mögen sie es. Für „Tobago“, so heißt bei Rausch eine Extra-Bitter aus 75 Prozent Edel-Kakao, sei er selbst noch nicht ganz reif, meint Rausch, der 55 Lenze zählt. Er schwankt noch zwischen „Madagaskar“ mit 39 und „Amazonas“ mit satten 60 Prozent.

Geschäftlich lebt Jürgen Rausch bis Weihnachten zu 100 Prozent in Schokolade. Seine wird „Zeit in Zeit“ produziert, wie er es nennt: also nicht jetzt schon Osterhasen, sondern noch immer Weihnachtliches. Nach dem Fest, wenn auch daheim in Grunewald die bunten Teller mit Rausch-Mitteln vernichtet sind, ist das Thema Schokolade kurzzeitig abgehakt. Den umsatzschwächsten Monat nutzt Jürgen Rausch auf seine Weise: Der Januar ist seine Schokoladenfastenzeit.

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