• Der Täter ist eigentlich noch ein Kind. Er lebte allein – fast ohne Kontakt zur Außenwelt Zwangsräumung Berliner Verbrechen: Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle

Berlin : Der Täter ist eigentlich noch ein Kind. Er lebte allein – fast ohne Kontakt zur Außenwelt Zwangsräumung Berliner Verbrechen: Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle

Es war ein Routineeinsatz für den Gerichtsvollzieher und den Schlossermeister. Als sie an die Tür klopften, kam keine Reaktion. Dann geschah etwas Furchtbares.

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Das Räumungsurteil des Amtsgerichts Schöneberg vom 10. April war am 19. April zugestellt worden. Und Gernot Groth hatte wie üblich selbst noch zweimal mitgeteilt, dass und wann er kommt. Aber von Sebastian Bäcker keine Reaktion.

Am 6. September 2001, morgens um zehn, steht Groth vor Bäckers Wohnungstür. Zusammen mit dem Schlossermeister Jörg Herrmann, mit dem er seit zehn Jahren zusammenarbeitet, und Möbelpackern. Fuhrunternehmer und Schlosser machen einen Teil ihres Umsatzes mit Zwangsräumungen, manche sind komplett auf solche Aufträge umgestiegen. Das ist krisenfest, gerade bei der gegenwärtigen Lage. Ruin bei den einen verhindert Ruin bei anderen. Man darf das nicht persönlich sehen.

Groth klingelt und klopft. Mehrfach, laut. Das ist seine Routine. Fünf bis zehn Minuten lang. Aber nichts rührt sich. Wahrscheinlich ist der junge Mann, der im November 2000 zum letzten Mal nachweislich die Miete bezahlt hat, gar nicht da.

Auch Herrmann klopft und klingelt, bevor er das Türschloss unter die Lupe nimmt. „Da war ein Zusatzschloss, zwar nicht verschlossen, aber der Schlossbeschlag hatte ’n sehr guten Zylinder. Und der hatte ’n speziellen Aufbauschutz, so dass man nicht mit ’ner normalen Bohrmaschine öffnen konnte.“ Das weiß er noch heute genau. Jörg Herrmann ist ein Bild von einem Mann in den besten Jahren. Groß, sportlich, sichtbar trainiert, mit hellbraunen, offenen Augen und Glatze. Ein bisschen wie der mittlere Yul Brynner sieht er aus, wenn er die makellosen weißen Zähne entblößt, was er normalerweise oft tut. Er lacht normalerweise auch gern. Er liebt seinen Beruf, den er seit dreizehn Jahren macht, und kennt seinen Wert. Sicherheitstechnische Feinmechaniker wie ihn gibt es nur wenige in Berlin.

Jörg Herrmann setzt die Hartmetallfräse an, um den Zylinder zu öffnen. „Das macht viel Krach und kostet Zeit – ich hab schätzungsweise zehn, zwölf Minuten gebraucht.“ Die Fräse macht Heidenlärm, so dass zwei Treppen höher Mieter aufmerksam werden. Nur aus der Wohnung, die geräumt werden soll, kommt immer noch kein Lebenszeichen.

Endlich ist die Tür offen. Groth und Herrmann treten in den kleinen Flur der Einzimmerwohnung und versuchen, sich ein Bild zu machen. Niemand zu sehen. Während Groth sich in Richtung Bad und Küche wendet, will Herrmann sich das Wohnzimmer vornehmen. „Und denn hab ich einen Schritt reingemacht, und in dem Moment seh ich von rechts ’n Schatten kommen, und mit dem Schatten merk ich, dass ich was inner Brust habe.“ Es ist die zwölf Zentimeter lange Klinge eines Küchenmessers. Sie steckt tief zwischen seinen Rippen. Aber nur kurz, denn Bäcker zieht das Messer raus und holt wieder aus. Den zweiten Stich kann Herrmann mit der Hand abwehren, was ihm noch eine blutende Wunde einträgt. „Aber er hat wieder Anlauf jenommen, wieder zum Brustraum hin – und ich hatte nur eine Möglichkeit: ihn wegtreten.“ Ein Tritt ans Knie verschafft Herrmann die entscheidende Atempause. „Ich hab ’ne kurze Drehung gemacht, gebrüllt: ,Der hat ’n Messer!‘ Hab den Gerichtsvollzieher mit rausgerissen und die Tür zugezogen.“

Jörg Herrmann hat unverschämtes Glück. Die Klinge war haarscharf zwischen Herzbeutel und Lunge eingedrungen. Und einer der Möbelpacker ist ausgebildeter Sanitäter. Der legt ihm einen Druckverband und verbindet die Hand. Der Notarztwagen braucht etwas länger durch das Knäuel aus Polizeiautos und MöbelLkw. Herrmann wird sofort operiert und überlebt. Seit dem Tag trägt er eine Schutzweste über dem Overall.

„Zwei, drei Millimeter höher, und er wär nich’ mehr“, sagt Gernot Groth kopfschüttelnd. Der Obergerichtsvollzieher, der nächstes Jahr 65 wird und sein letztes Dienstjahr bestreitet, sitzt in seinem Frohnauer Garten, wo die Vögel zwitschern wie im Bilderbuch und seine Frau Gisela die Idylle nur einmal kurz akustisch mit der Espressomaschine unterbricht. „Und da rutscht Ihnen was weg, das sag’ ich Ihnen ganz ehrlich.“ Bei der Erinnerung an den Tag vor fast zwei Jahren wird seine Stimme leiser und – porös. So als sei die ruhige, abwägende Vernunft, mit der Groth seit 35 Jahren in einem der unbeliebtesten Berufe arbeitet, nur ein dünnes Gewebe, das sich über unendlich schmerzliche, beängstigende Erfahrungen spannt. Ein langes Arbeitsleben lang.

Sebastian Bäcker dagegen ist blutjung, nach Zahlen. Aber er hat in seinen neunzehn Lebensjahren mehr erlebt als die meisten dreimal so alten Deutschen. Brüche, die einem das innere Millimeterpapier, das man sich mühsam von klein auf konstruiert, auf einmal unter den Füßen wegziehen. Er ist in Kasachstan geboren und aufgewachsen. Ein Landkind, immer draußen, kein Baum zu hoch zum Klettern. Wie kleine Jungs so sind. Kleine Mädchen auch – seine ältere Schwester Marina etwa. Die wird auch nach dem tiefen Schnitt sein Kumpel bleiben.

Der Schnitt kommt jäh. Die allein erziehende Mutter hört von Verwandten, in Berlin könne man besser leben. Deutsch lässt sich lernen und arbeiten kann man überall. So wird der kleine Junge jäh von Zuhause und Freunden abgeschnitten, in eine fremde Großstadt verpflanzt und – seines Namens beraubt. Er heißt eigentlich Sergej. Mit zehn Jahren ist man schon Sergej, nicht irgendein Sebastian.

Wie gut Sergej in der Schule sein könnte – wen interessiert das? Sebastian jedenfalls ist ein schlechter Schüler. Es dauert, bis er genug Deutsch kann. Er bleibt sitzen, macht keine Schularbeiten, schwänzt. Bald gehört er zu einer der Jugend-Cliquen, die abends auf Berliner Spielplätzen rumhängen. Lauter unbehauste Kids wie er, die mit dem Zufall namens „deutsche Vorfahren“ nichts anfangen können und mit denen umgekehrt die deutschen Zeitgenossen nichts anfangen können. Solche russlanddeutschen Jugendlichen sind „Problemfälle“ – integrationsresistent, oft alkoholisiert und aggressiv, oft kleinkriminell. Ohne neues inneres Millimeterpapier verliert sich der Sinn für Recht und Unrecht. Ein Einwanderungsland, das immer noch leugnet, eines zu sein, macht es Immigranten allzu leicht, Verantwortung von sich wegzuschieben. Die wollen mich ja nicht, also werde ich nie was in deren Gesellschaft. Ist doch alles wurscht. Und meine Mutter kann auch bloß meckern, strafen und predigen!

Mutter Bäcker findet kaum etwas beschämender, als auf den Staat angewiesen zu sein. Sie schafft wie ein Berserker, aber irgendwann ist nur noch Krach. Und Ende. Marina fliegt mit siebzehn raus, Sebastian mit achtzehn. Marina schafft den Absprung. Sebastian nicht. Er braucht das, was ihn in den Augen seiner Mutter zum Versager macht. Vielleicht hilft ihm die Hilfe deshalb nicht. Das Jugendamt beschafft ihm einen Ausbildungsplatz, ein bisschen Geld zum Leben und die kleine Wohnung. Aber er sackt in eine unerklärliche Apathie. Nach zwei Jahren schmeißt er die Lehre, reagiert auf kein Hilfsangebot mehr, richtet sich ein in einem Strudel aus Selbstenttäuschtheit und Trotz gegenüber seiner Mutter. Alle Kontakte brechen ab, als ihm das Telefon abgestellt wird. Er verkriecht sich. Marina ist seine einzige Verbindung zur lebendigen Welt. Die Oma bringt ihm nachmal etwas zu essen. Trinken tut er nicht mehr. Sein Leben besteht aus Schlafen und Fernsehen und verliert irgendwann sogar den Tag- und Nachtrhythmus. Nicht, dass er nichts mehr mitkriegt. Auch die Räumungsklage hat er gelesen, aber – was soll man da machen?

Die kleine Parterrewohnung liegt mitten im schönsten Friedenau. Klassische Traufhöhe, Vorgärten, schmiedeeiserne Balkone, die Dächer ausgebaut mit Atelier-Fenstern, alte Bäume, spielende, lachende Kinder. Schmale Straßen mit süddeutschen Weinbaunamen, hundertjährige wohlige Bürgerlichkeit.

Wie Bilder täuschen können – auch hier war Gernot Groth schon oft. „Räumungsvollstreckungen sind gang und gäbe“, sagt er, „so alle vierzehn Tage einmal. Und neun von zehn Wohnungen kenn’ ick schon.“ Wenn er sie nicht kennt, muss er aus allen möglichen Quellen Informationen saugen – wer ist der Mensch, der da seine materielle Existenz weggerissen kriegen soll? Bei Sebastian Bäcker hatte es nicht den geringsten Hinweis auf Gefahr gegeben. Ein zurückhaltender, stiller junger Mann sei das.

Für die Kriminalhauptkommissarin Christel Nowinski vom Landeskriminalamt, die ihn zweimal vernimmt, ist er eigentlich noch ein Kind. „Wenn der mein Sohn wäre – ich hätte den nicht allein leben lassen. Der konnte das gar nicht bewältigen.“ Angaben zur Tat macht er kaum. „Er hat nur gesagt: ,Was soll ich sagen? Ich war’s.‘ Erst bei Fragen nach sich und seinem Leben taut er ein bisschen auf.“ Aber dafür hat hier niemand Verwendung. Es gibt ja keinen Klärungsbedarf. Die Beweislage ist klar und zweifelsfrei wie selten und die Akte womöglich die dünnste, die die 5. Mordkommission je hatte.

Auch in seiner Verteidigerin ruft Sebastian Bäcker fast mütterliche Gefühle hervor. „Er war mittelgroß, eher von zarter Natur mit ausgesprochen kindlicher Ausstrahlung, sehr blass und – scheu“, als sie ihn in der U-Haft kennen lernt. Er hatte durch Moabiter Mundpropaganda von ihr gehört. Dabei ist Ulrike Zecher durchaus kein Muttertier. Sie hat die juristische Fachzeitschrift „Strafverteidiger“ mitgegründet und war vierzehn Jahre lang im Vorstand der Vereinigung Berliner Strafverteidiger. „Ich bin das, was man ,Frontsau‘ nennt. Ich kämpfe gern, und Strafverteidigung ist meine Leidenschaft. Da kann man tatsächlich durch persönlichen Einsatz noch etwas erreichen.“ Also nimmt sie das Pflichtmandat an, das ihr am Ende einen Stundenumsatz von höchstens fünfzehn Euro eingebracht haben wird. Umsatz – nicht Honorar. Damit lässt sich keine Kanzlei finanzieren. Aber Pflichtverteidigung ist für Ulrike Zecher nun mal „unser Sozialbeitrag – und der ist ganz wichtig für die Rechtskultur.“ Basta.

Sie setzt einen Gutachter durch, der tatsächlich Draht zu Sebastian Bäcker bekommt. Sein Gutachten trägt dazu bei, die Anklage wegen heimtückischem Mordversuch in eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu verwandeln. Die 9. Große Strafkammer des Berliner Kriminalgerichts, bekannt für relativ harte Urteile, setzt das Strafmaß auf ungewohnt milde drei Jahre und drei Monate in einer Jugendhaft fest. Vielleicht hat die innige, tränenreiche Umarmung, mit der Mutter und Sohn Bäcker mitten im Prozess den Durchbruch zueinander geschafft haben, dazu beigetragen. Frau Bäcker hatte sich vorher tapfer sehr unangenehme Details über ihr eigenes Versagen angehört. Vielleicht war es aber auch der Entschuldigungsbrief, den Sebastian Bäcker als erstes an Jörg Herrmann schrieb. Er hatte sich tatsächlich sofort „bemüht, ernsthaft und im Rahmen seiner Möglichkeiten, den Schaden wieder gutzumachen“, wie es in der Rechtsprechung zum Täter-Opfer-Ausgleich heißt. So etwas muss strafmildernd berücksichtigt werden. Bäcker hat auch das Schmerzensgeld, das seine Anwältin von einer Berliner Boulevardzeitung erstritten hatte, sofort Jörg Herrmann zukommen lassen wollen. Dabei war es auch um täuschende Bilder gegangen. Fotos von Angeklagten, erst recht von Jugendlichen, dürfen nicht veröffentlicht werden. Die Zeitung hatte das trotzdem getan und Bäcker direkt neben Herrmann abgebildet – aber so dimensioniert, dass Bäcker mindestens ebenso groß wirkt wie Herrmann und obendrein noch selbstzufrieden grinst.

Jörg Herrmann hat nie reagiert auf Bäckers Angebot. Er wollte, sagt er heute, einfach nichts mehr damit zu tun haben. Obwohl – „so persönlich seh’ ich das eigentlich gar nicht. Sind immer ooch Schicksale, die dahinter stehen. Und es wird ja nicht jeder gleichermaßen damit fertig.“ Wenn Leute ihr Hab und Gut verlieren sollen – „das geht eben an die Substanz. Da kann alles passieren. Mich hat auch schon mal ne 65-jährige Frau mit ’nem Messer attackiert.“ Angst hat er trotzdem nie gehabt, und auch jetzt nicht. Auch abstumpfen, sagt er, „is’ nicht drin, auf keinen Fall. Im Gegenteil: Man wird sensibler. Man achtet auf noch mehr Details.“

Von Bewaffnung wollen beide nichts wissen. Aber auch Gernot Groth hat seine Konsequenzen gezogen. Er prüft heute noch genauer, wer die Klientel jeweils ist, und hat immer ein Tonband dabei. Gleichzeitig wehrt er sich heftig gegen jede Hysterisierung. „Es ist nicht unsere tägliche Arbeit, dass so was passiert! Das macht vielleicht ein Promille aus!“ Dennoch treibt ihn die Sache noch immer um. Vielleicht, weil er älter ist, überlegt er laut. Und bestimmt wegen der Verantwortung, die er als Gerichtsvollzieher für die anderen hat. „Das hat mich eigentlich am meisten niedergedrückt – dass ich dem Schlosser nicht helfen konnte. Im Grunde genommen war dieser Mensch bereit, ’n ander’n Menschen zu töten. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Aber was wollen Sie denn machen? Das Leben geht weiter.“

Auch für „diesen Menschen“. Sebastian Bäcker scheint die (Re-)Sozialisierung in der Jugendstrafanstalt angenommen zu haben und neuen, erwachsenen Boden unter die Füße zu bekommen. Er beendet seine abgebrochene Ausbildung, hat seine verloren gegangenen Familienbande wiedergefunden und pflegt wieder Kontakte. Er scheint sich, nach allem, was man hört, Linie für Linie neues Millimeterpapier zu konstruieren. Das wird eines Tages auch fest genug sein müssen, dass Bäcker aushalten kann, wenn manche Menschen am liebsten nie wieder von ihm hören würden. Weder von Sebastian noch von Sergej.

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