Berlin : Der Tag der Kanzlerkritiker

Auf ihrer Demo wetterten Gewerkschafter lautstark gegen Schröders Kurs. Das Fußvolk war leiser

Holger Wild

Immerhin – „brennende Schröder-Puppen habe ich noch nicht gesehen“, bemerkte ein SPD-Mitglied angesichts einer 1.-Mai-Demonstration, die man sich wütender hätte vorstellen können. Die Haltung der Gewerkschaften zum Reformkurs des Bundeskanzlers ist bekannt, und der Hauptredner auf der 1.-Mai-Kundgebung des DGB griff den „Sozialabbau“ denn auch scharf an. Auf dem Marsch selbst jedoch war von Volkszorn gegen die „Agenda 2010“ nicht viel zu spüren.

Da und dort ein handgemaltes Plakat, auf dem ein Ende von Gerhard Schröders „wahnsinnigen Plänen“ gefordert wurde oder die „Aufhebung des Kündigungsschutzes“ für den Kanzler. Andere – die gewerkschaftsoffiziellen – Transparente vertraten herkömmliche Ziele: „Keine Sparmaßnahmen in Erziehung und Bildung“; „Wir fordern unsere rechtmäßig erworbene Altersversorgung der Deutschen Reichsbahn“. Das zentrale Motto des DGB war ein lokales: „Berlin braucht Arbeit, Bildung, Zukunft“. Ernst und überwiegend schweigend zogen nach Gewerkschaftsangaben 20 000 Demonstranten vom Brandenburger Tor zum Roten Rathaus. Diesmal nicht wie in den Vorjahren und wie irrtümlich im Tagesspiegel angekündigt über die Leipziger Straße, sondern über Wilhelm-, Tor- und Rosenthaler Straße. Am Rathaus gab es die traditionellen Imbiss- und Informationsstände, und es sprach Rolf Steinmann vom Bundesvorstand der IG Bauen-Agrar- Umwelt. Der nun ging mit dem Kanzler und dessen Plänen hart ins Gericht. Das Reformprogramm habe eine „eindeutige Schieflage“, rief Steinmann, es bedeute „keinen Um-, sondern einen Abbau des Sozialstaates“, schaffe keine Arbeitsplätze und entspringe überhaupt der „Gedankenwelt der Neo-Liberalen“. Kurz, die Reformen röchen „nach schlecht gekochtem Kohl“. Gemeint war Schröders Vorgänger von der CDU. In zwei Demonstranten am Rande löste die Rede indes den Wunsch nach einem ganz anderen früheren Politiker aus: „Schröder muss weg – Oskar muss her!“ skandierten sie lauthals. Ihrem Ruf aber schloss sich keiner an.

Heute eröffnet der DGB in seinem Haus in der Keithstraße eine Ausstellung zur Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis am 2. Mai 1933.

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