Der Tagesspiegel-Adventskalender : Tür Nummer 4 ist geheimer Übergabeort

Bis zum 24. Dezember öffnen wir täglich Berliner Türen - und berichten, was sich dahinter befindet. Nummer vier war schon fast Zeuge eines Krimis.

Michael Graupner
Die vierte Tür befindet sich am Halleschen Ufer.
Die vierte Tür befindet sich am Halleschen Ufer.Foto: Holger Jost

Unsere heutige Tür am Halleschen Ufer fristet ein trostloses Dasein: Sie dient lediglich als Notausgang des Nord-Süd-S-Bahntunnels. Auf ihrer Stahlverkleidung prangern Graffiti, ringsherum streunen Hunde. Doch vor fast 24 Jahren wäre sie beinahe Zeuge eines kleinen Krimis geworden. Beinahe.

Ein Anruf bei Arnold Funke. Besser bekannt unter seinem Pseudonym: Dagobert, der Kaufhauserpresser aus den neunziger Jahren (siehe oben). Funke hatte es damals auf den Karstadt-Konzern abgesehen und Brandanschläge in den Kaufhäusern verübt. Anfang 1994 verlangte er von Karstadt eine Millionen Mark. „Vor der Tür sollte das Geld übergeben werden“, erzählt er. Einen Zugang dazu hatte er schon („War so ein Standardschlüssel für alle S-Bahnnotausgänge“).

„Doch dann fing es an zu schneien!“

Damals habe noch ein Holzzaun davor gestanden. Der Künstler Funke bastelte eine eigene Holzwand und passte sie der Umgebung an: mit Graffiti, Plakaten und einem kleinen Loch. Hier sollte der Bote, ein Polizist, das Geld einwerfen und Funke wollte über die Tür und den Notausgang fliehen.

Am 19. Februar war es so weit, die Wand stand, alles schien vorbereitet – „Doch dann fing es an zu schneien!“, ärgert sich Funke noch heute. Im Schnee hätte er zu auffällige Spuren hinterlassen. Die Übergabe scheiterte. Zwei Monate später wurde Funke gefasst. Er wurde zu neun Jahren Haft verurteilt, aber wegen guter Führung vorzeitig entlassen und arbeitete danach als Karikaturist.

Berlin als Adventskalender: Wo führt eigentlich diese kleine schwarze Tür unterhalb des Humboldt Forums hin? Unscheinbar liegt sie im alten Mauerwerk direkt über der Wasseroberfläche am Spreekanal, über ihr wächst gerade der Neubau des Berliner Schlosses in die Höhe. Was sich hinter diesem Eingang verbirgt, erzählen wir an einem der kommenden 24 Tage, wie auch die Geschichten hinter 23 anderen Berliner Türen. In diesem Sinne laden wir Sie zu einer Entdeckungsreise durch Berlin ein und wünschen Ihnen eine schöne Adventszeit. Türchen Nummer eins führte bereits nach Schöneberg, Die zweite Tür erzählt von alten Zeiten und die dritte vom Untergrund.

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