• Der Tagesspiegel Strieder kauft schon Grundstücke für den Autobahn-Ausbau Schöner leben auf der A100

Berlin : Der Tagesspiegel Strieder kauft schon Grundstücke für den Autobahn-Ausbau Schöner leben auf der A100

Trotz Widerstandes der PDS treibt der Stadtentwicklungssenator die Planung des Stadtrings bis zum Treptower Park voran. 2008 könnte der Bau der Trasse beginnen Über dem „Britzer Tunnel“ spielen die Kinder – ein paar Meter darunter rasen die Autos

Klaus Kurpjuweit

Auf der geplanten – und umstrittenen – Verlängerung der Autobahn A 100 vom Dreieck Neukölln bis zum Treptower Park sollen nach Unterlagen aus der Stadtentwicklungsverwaltung täglich bis zu 130 000 Autos unterwegs sein. Damit wäre der 3,2 Kilometer lange Abschnitt der Stadtautobahn einer der am dichtesten befahrenen in der Stadt. Ob die Trasse allerdings gebaut wird, ist ungewiss. Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) setzt sich dafür ein, der Koalitionspartner PDS ist dagegen.

Nach den neuesten Berechnungen soll der Neubau 258,5 Millionen Euro kosten, die der Bund aufbringen müsste. 4,5 Millionen Euro sind bereits für Grundstückskäufe ausgegeben. Insgesamt sind die Grunderwerbskosten mit 54 Millionen Euro veranschlagt, die ebenfalls vom Bund kommen würden. Die Strecke ist im Entwurf für den neuen Bundesverkehrswegeplan als „dringender Bedarf“ eingestuft. Nur solche Projekte haben eine Chance, verwirklicht zu werden. Im Herbst soll der Bundesverkehrswegeplan verabschiedet werden. Die Autobahn soll je Richtung dreispurig werden und eine Standspur erhalten. Anschlussstellen sind an der Grenzallee, der Sonnenallee und am Treptower Park vorgesehen. Im Bereich der Grenzallee soll es einen 465 Meter langen Tunnel geben, die Sonnenallee, die Diesel-, die Kiefholzstraße und der Ring der S-Bahn sollen auf Brücken überquert werden. Schutzwände sollen Anwohner vor Lärm schützen. Auch die Höchstgeschwindigkeit ist bereits festgelegt: 80 km/h.

Das Genehmigungsverfahren soll im Herbst 2005 beginnen, falls sich die rot-rote-Koalition auf den Bau einigt. Darauf drängt unter anderem die Industrie- und Handelskammer. Am Tunnel Grenzallee könnten dann die Arbeiten 2008 aufgenommen werden. Der erste Abschnitt bis zur Sonnenallee soll 2011 eröffnet werden, den Treptower Park wollen die Planer 2012 erreichen.

Von Thomas Loy

Es müssen gute Menschen gewesen sein, die diesen Park erdacht haben. Kilometerweit erfreut sich der Wanderer an jungen Birken, einer Feuchtwiese, Spielplätzen von erlesener Ausstattung, ins Grün gestreuten Sportstätten, um endlich diesen merkwürdigen Abhang zu erklimmen, schön mit Sträuchern und Blumen bepflanzt. Dort oben kann der Naturfreund durch kleine vergitterte Mauer-Durchlässe auf sein Feindbild blicken: den entfesselten Autoverkehr, wie er mehrspurig in den Schlund der Unterwelt rast. An dieser Schnittstelle zwischen betonierter Autowelt und grüner Idylle kann sich der Naturfreund als Sieger fühlen. Er steht im Sonnenlicht – die Autos müssen in den Keller.

Der „Carl-Weder-Park“ in Neukölln-Britz ist eines der markantesten Projekte des Autobahnbaus – und eines der teuersten. Befürworter schwärmen von der „ökologischen Autobahn“ – für Kritiker ein böser Euphemismus. Auf 1,7 Kilometer wurde die Autobahn zwischen der Gottlieb-Dunkel-Straße bis kurz vor der Buschkrugallee „gedeckelt“ (siehe unten stehende Grafik) und darüber ein Park angelegt. Die Erweiterung der A 100 kostete auf 2,6 Kilometern 230 Millionen Euro. 75 Häuser und 40 Gewerbebetriebe mussten weichen, die Ellrichter- und Wederstraße verloren ihre Nordseite. Der Verkehr verschwand unter der Erde. Problem also gelöst?

„Fragen Sie mal die Leute an den Ein- und Ausfahrten des Tunnels“, fordert Siegfried Wenzel von der „Bürgerinitiative Stadtring-Süd“, die seit 25 Jahren gegen die Autobahn in Neukölln kämpft. So ein Tunnel höre eben irgendwo auf, aber nicht der Verkehr. „Der Tunnel ist eine Scheinlösung.“

Rainer Strägel zeigt über das neue Tunnel-Betriebsgebäude hinweg auf die Spitze einer Pappel. Dort war früher die Grenze seines Grundstücks. Er kämpfte seit den 70er Jahren gegen die Planung. Als die Nachbarhäuser schon abgerissen wurden, prozessierte Strägel unbeeindruckt weiter. Erst im März 1996 – die Bauarbeiten hatten längst begonnen – verkaufte er seinen Besitz, um der Enteignung zuvorzukommen. Strägel ist kein Freund großer Gefühle. Durch den Tunnel ist er schon gefahren – und auch mal obendrüber gelaufen. Sehr viel Aufwand sei betrieben worden, um die Autobahn erträglicher zu gestalten – immerhin ein Teilerfolg der Bürgerinitiative, findet er. Grundsätzlich ist der Tunnel aber auch für Strägel nur „eine Mogelpackung“.

Diese Mogelpackung kostet den Autobahnbauer Bund einen Haufen Geld. Allein die Grünanlage verschlingt pro Jahr 100 000 Euro. Da über der Tunneldecke an manchen Stellen nur 75 Zentimeter Erdreich liegen, wird die Vegetation automatisch bewässert. Für die Anwohner – also die, die nicht vertrieben wurden – habe die Autobahn eine „starke Verbesserung der Wohnqualität“ gebracht, sagt Rolf Groth vom Neuköllner Stadtplanungsamt. Durch die jahrzehntelange Planungsunsicherheit sei besonders die Wederstraße zunehmend unter die Räder geraten. Niemand steckte Geld in die Häuser, Fassaden bröckelten, Grundstücke verwilderten. „Die Gegend war wie gelähmt.“ Inzwischen steht der erste Neubaublock – gehobene Wohnlage direkt am Autobahnpark. Die Rentnerin Grete Thomas findet es jedenfalls „sehr schön“ hier über der Autobahn, von der man nichts sieht, hört oder riecht, „gar nicht zu vergleichen mit früher“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben