Der Tagesspiegel und der DDR-Geheimdienst : Zeitung im Visier der Stasi

„Kriegstreiber“, „Feindzentrale“ – das Ministerium für Staatssicherheit blickte voll Argwohn auf die Tageszeitung im Westen und vermutete hinter manch kleinem Redakteur die ganz große Verschwörung. Unser Autor hat die Ausspähung erstmals historisch untersucht.

Andreas Petersen
Zeitungsgeschichte. Wie auf dem Bild von 2005 prangt der Tagesspiegel-Schriftzug nicht mehr über dem alten Verlagsgebäude in Mitte. Heute wirbt
Zeitungsgeschichte. Wie auf dem Bild von 2005 prangt der Tagesspiegel-Schriftzug nicht mehr über dem alten Verlagsgebäude in...Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Geburtstag des Tagesspiegels war der 27. September 1945. Ein Donnerstag in der Trümmerstadt Berlin. Für die Berlin-Nachrichten im neuen Blatt zeichnete damals Susanne Drechsler verantwortlich. Die 43-Jährige mit dunklen, kurzen Haaren, Holocaust-Überlebende und kommunistische Stadtteilverantwortliche in Nikolassee, war zugleich der erste Spitzel in der Redaktion am Tempelhofer Damm. Aber ein ungewöhnlicher Spitzel. Denn ihre Geheimberichte passten so gar nicht zur Ost-Propaganda der Zeit, die den Tagesspiegel bald nach seinem ersten Erscheinen als „amerikanisches Hetzblatt“ auserkoren hatte. „Richtlinien jeder Arbeit in der Redaktion“, konstatierte Drechsler in einem abschließenden Bericht, „waren Parteilosigkeit und alle politischen Richtungen zu Wort kommen zu lassen.“

Susanne Drechslers Lebensweg ist eine dieser unglaublichen Biografien des 20. Gewaltjahrhunderts. Als Jugendliche aus reichem Haus brach sie früh mit ihrer jüdischen Breslauer Familie. Fasziniert von der Idee, dass das Proletariat Revolution machen würde, diente sie sich als Gärtnerin bei dem in Berlin lebenden Künstler John Heartfield an. Von da ging sie nach Worpswede und lebte dort in ihrem Traum aus Kunst und Politik. Sie zeichnete Bilder für das renommierte „Berliner Tageblatt“. Schon da spitzelte sie im KPD-Auftrag in dessen Redaktion. 1934 wurde sie verhaftet. Ihre Eltern ermordeten die Nazis in Theresienstadt. Sie selbst entkam Auschwitz nur im Chaos eines Fliegerangriffs. Sie floh nach Berlin und überlebte dort im Untergrund. Nach Kriegsende boten ihr die neuen Tagesspiegel-Lizenzträger den Aufbau und die Leitung der Lokalredaktion an. Sie nahm an. „Nach Rücksprache mit Wilhelm Pieck beim Tagesspiegel angefangen“, notierte sie. Ein halbes Jahr fuhr Susanne Drechsler nun tagsüber ins beschädigte Ullstein-Druckhaus nach Tempelhof und schleppte Brennholz aus den Trümmern in die zugigen Redaktionsräume im dritten Stock. Abends notierte sie ihre Eindrücke: In der Zeitung gehe es vor allem um die „Erziehung der Deutschen zur Demokratie. Im Besonderen wird auf einwandfreies Deutsch Wert gelegt. Alle Ausdrücke, die an die Phrasen der vergangenen zwölf Jahre erinnern, wurden verboten.“

Nach einem halben Jahr schon war Schluss mit Drechslers Doppelleben. „März 1946 warf mich Herr Reger (im Auftrag der Amerikaner) heraus mit der Bemerkung: ‚Ihnen steht die Parteidisziplin höher als das Redaktionsgeheimnis.‘“ Der Journalist und Schriftsteller Erik Reger war in der Anfangszeit als Lizenzträger, Mitherausgeber und Chefredakteur der unumstrittene geistige Kopf der Zeitung. Über ihn notierte sie: „Hält sich für einen Sozialisten.“ In der „Vossischen Zeitung“ hatte Reger schon 1931 Hitler einen „Rattenfänger“ genannt. Noch immer hielt er die Mehrheit der Deutschen für Nationalsozialisten. Als die Rote Armee in Berlin einzog, begrüßte er das. Doch so sehr Reger auch ein entschiedener Antifaschist war, so klar war er, wenn es um den Kommunismus im Osten ging. Unter Regers Federführung entwickelte sich der Tagesspiegel nach anfänglicher Zurückhaltung zum publizistischen Hauptankläger der Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone.

Die Ostpresse beschimpfte den scharfzüngigen Tagesspiegel-Chef als „Kriegstreiber Nr. 1“, Vertreter eines „Blattes der Schwerindustrie“. Dabei war Reger sowohl Antimilitarist wie auch Preußenfeind, der für den Demokratieaufbau die rigorose Zerschlagung aller Stahlkartelle forderte. Aber er war eben auch überaus klar, wenn es darum ging, den politischen Kulissenumbau im Osten zu attackieren. Kein Wunder also, dass „Neues Deutschland“, „Berliner Zeitung“ und „Neue Zeit“ 1948 Reger und seine Zeitung mit 471 Artikeln ins Kreuzfeuer nahmen.

Scharfer Antikommunist. Erik Reger, in den Anfangsjahren oberster Mann beim Tagesspiegel, war den Kommunisten steter Stachel im Fleisch.
Scharfer Antikommunist. Erik Reger, in den Anfangsjahren oberster Mann beim Tagesspiegel, war den Kommunisten steter Stachel im...Foto: Hellmuth Pollaczek

Doch es blieb nicht beim publizistischen Schlagabtausch. Am 6. September 1948 verschleppten SED-Leute den 21-jährigen Tagesspiegel-Parlamentsberichterstatter Wolfgang Hansske nach der letzten Groß-Berliner Stadtverordnetenversammlung im Neuen Stadthaus in der Parochialstraße in Mitte. Der Vorwurf: Spionage, antisowjetische Propaganda, Gründung einer antisowjetischen Vereinigung. Das Urteil der Sowjets: Drei mal 25 Jahre Arbeitslager. Hansske verschwand spurlos, und der Fall wurde zum Stadt-Politikum. „Wolfgang Hansske ist ein Name von vielen“, titelte der Tagesspiegel, „die eine furchtbare Anklage gegen die unmenschlichen Methoden der Sowjetischen Militäradministration und ihrer Vasallen darstellen.“ Für Reger war die junge DDR fortan ein „sowjetisches Sklavengebiet“ mit „roten Mördern“. „Dibrowa heißt die Kanaille“, schrieb er in einem Leitartikel nach dem 17. Juni 1953, als der sowjetische Stadtkommandant die Erschießung eines West-Berliners befahl. „Man merke sich den Namen für eine spätere Auslieferungsliste.“

Als Erik Reger im Folgejahr tot in einem Wiener Hotelzimmer aufgefunden wurde, gingen viele von einem Stasi-Mord aus. Erst Tage zuvor hatten ihn Mitarbeiter der West-Berliner Organisation „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ gewarnt: Es existiere ein Geheimdienstplan, nachdem gegen führende Antikommunisten gewaltsam vorgegangen werden sollte. Bei der Obduktion Regers wurde dann lediglich Herzversagen festgestellt. Tatsächlich das Resultat jahrelanger Überarbeitung? Wirklich geklärt wurde sein früher Tod nie. Kurze Zeit später kehrte Wolfgang Hansske nach sieben Jahren Gulag als gebrochener Mann in die Redaktion zurück. Als reiner Produktionsredakteur lief er still durch die Redaktionsräume – und war dabei vielen Mitarbeitern der „Feindzentrale Tagesspiegel“, wie die Zeitung auch im Stasi-Sprech hieß, eine Mahnung.

Als dann 1958 der Tagesspiegel-Redakteur Friedrich Apitzsch, den die Stasi fälschlicherweise als Friedrich Apitzschen führte, die Geschichte eines Grubenunglücks nahe Leipzig druckte, die ihm der Flüchtling Wolfgang Weise erzählt hatte, antwortete das „Neue Deutschland“ umgehend: „Wieder Lüge des Tagesspiegels geplatzt.“ Doch aus dem üblichen Schlagabtausch wurde in diesem Fall mehr. Wolfgang Weise wurde kurze Zeit später vom Berliner Verfassungsschutz verhaftet. Man vermutete in ihm einen Stasi-Spion. Als er nach drei Monaten freikam und frustriert in die DDR zurücksiedelte, mutmaßte man auch dort Spionage, diesmal für die Amerikaner. Stasi-intern ließ man die Sache zu einem großen Fall aufkochen. Weise wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. In der großen Agentengeschichte kam dem „amerikanischen“ Tagesspiegel eine vermeintlich maßgebliche Rolle zu. Doch keine der zuständigen MfS-Abteilungen konnte auf die hektischen Nachfragen zur Tagesspiegel-Redaktion und zu Friedrich Apitzsch etwas liefern. Man hatte also offenbar keinen Spitzel vor Ort. Dabei war Apitzsch ein Redaktionsurgestein, Chef vom Dienst fast seit den Zeitungsanfängen. Jeder im Redaktionsumfeld hätte über ihn Auskunft geben können. Informationen erhielt die Stasi aber erst, als die Abteilung VIII, zuständig für Observation, einen Hausnachbarn anzapfte.

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