Berlin : Der Tagesspiegel

NAME

TORTENSCHLACHT

Sowohl als auch

Kollwitzstraße 88

10 425 Berlin

Tel.: 442 93 11

8 bis 2 Uhr

Na, so ein Glück, auf der Bank hinten an der Wand ist noch Platz. Da sitzt man auf rotem Leder gemütlich – jedenfalls solange die Klimaanlage nicht läuft. Es ist Sonntag, draußen regnet es leicht und leise, eine wunderbare Zeit fürs „Sowohl als auch“ in der Kollwitzstraße. Ich hole mein Briefpapier heraus und schreibe an Mincar, meine indische Brieffreundin. Dear Mincar, schreibe ich, und dass I freeze, because die Klimaanlage ist on and blows mir in the back. Die Kellnerin kommt, sie trägt ein enges beige-blaues Shirt, wie alle Kellnerinnnen hier heute. Vielleicht ist Sonntag Uniformtag. Ich schreibe meinen Verdacht in den Brief an Mincar und frage sie, ob es in ihrem Ort auch Cafés mit Uniformtagen gibt. Die Frage ist totaler Quatsch, denn in Mincars Ort gibt es nur ein Café, und das gehört zum Hotel, das heißt Shangri La, was so viel bedeutet wie Verstecktes Paradies, und da tragen alle an allen Tagen Uniform. Aber nun steht es da, und ein Brief, in dem alles durchgestrichen ist, macht ja einen blöden Eindruck.

Ich bestelle Käsebaiserkuchen und Milchkaffee. Hier ist Obacht geboten: Es gibt nämlich auch Caffe latte. Der wird im Glas serviert und schmeckt mehr nach Milch. Am Tisch wird außerdem Apfelkuchen gegessen und Käseschmand mit Aprikosen. Die Gäste reiben sich die Bäuche. Lecker, wie immer, finden sie. Was heißt Schmand eigentlich auf Englisch?

Die Espressomaschine gurgelt und spuckt und übertönt sogar das Klarinettenjiddeljazzgedudel, obwohl das hier im „Sowohl als auch“ irgendwie ertragbar ist. Sogar für mich Klarinettenjiddeljazzgedudelhasserin. Zwei Männer unterhalten sich über ihre Schulzeit, wo sie Abitur gemacht haben und lernten, wie man Busse oder S-Bahnen montiert. Der mit Brille erinnert sich besonders gut: Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden, sagt er. Ich nehme mir vor, nächstes Mal in der S-Bahn auch für den Frieden zu kämpfen. In Indien gibt es keine S-Bahnen. Ich nehme ein neues Blatt Papier.

Dear Mincar, schreibe ich. Und dass am Eingang zum Café eine Tafel hängt auf der steht: Der Kaffee ist alle. Ich habe mich kurz erschrocken. Ob das wahr ist? Das kann doch nicht sein. Ich habe möglichst unauffällig in die Tassen der Gäste geguckt. Überall nur Tee drin? Nein, das an der Tür ist ein Witz. Witzig finde ich auch, dass ein paar Leute draußen sitzen. Auf Gartenklappstühlen aus Holz. Unter Markisen. Hallo, Leute, rufe ich, es regnet! Es ist ihnen egal. Ich habe auch gar nicht gerufen. Aber Mincar freut sich über Frechheiten jeder Art.

Es sitzen viele Leute im Café, die über Papier gebeugt sind. Einer kreuzt Druckfehler in der Zeitung an. Ein anderer schreibt Zahlen in Tabellen. Viele lesen. Paarweise sitzen sie an den Tischen, die mit zwei Bechern fast überladen sind. Draußen wird es im dunkler, wegen der dicken Wolken. Man könnte hier stundenlang sitzen. Es gibt außer Kuchen auch Suppen oder Salate, es gibt Bier und alles Mögliche, 18 Seiten ist die Speisekarte dick, mit Inhaltsverzeichnis vorne. Frühstück wird den ganzen Tag lang serviert. Man hat es hier auch bei Sonnenschein sehr nett. Vielleicht daher der ? Was für ein Wetter ist eigentlich grad in Indien?

Ich schreibe meinen Brief mit zu viel Fragen voll, fällt mir auf. Ich sollte lieber was erzählen. Dear Mincar, fange ich wieder von vorne an. What does sowohl als auch heißt auf Indisch? Ariane Bemmer

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