Berlin : Der Tagesspiegel

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HINTER DEN KULISSEN

Der PDS-Star Gregor Gysi hat schon viele Premieren ohne Lampenfieber überstanden. Nun war der Bürgermeister und Wirtschaftssenator am Dienstag zum ersten Mal dran, die Senatssitzung zu leiten. Gysi soll sich seiner Aufgabe mit ruhiger Souveränität entledigt haben. Nur durch einen gelegentlichen Blick nach hinten verriet er, dass er Hilfe für Formulierungssicherheit brauchte. Doch Abteilungsleiter Norbert Kaczmarek von der Senatskanzlei souffliert ohne Ansehen der Person. Das tat er schon unter Richard von Weizsäcker. Gysi also durfte ein paar Stunden als Regierender amtieren, denn Klaus Wowereit (SPD) war nicht da und die andere Bürgermeisterin Karin Schubert (Justizsenatorin) braucht nun doch noch bis Ende Mai, um sich zu Hause in Neubrandenburg von ihrem Splitterbruch am Fuß beim Osterspaziergang zu erholen. Wowereit war an diesem Dienstag in Karlsruhe – zur Amtseinführung des Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Hans-Jürgen Papier und zur Verabschiedung der bisherigen Präsidentin Jutta Limbach. Schließlich ist der Regierende Bundesratspräsident und Jutta Limbach eine gute alte Bekannte. Sie war von 1989 bis 1994 Berliner Justizsenatorin.

Aus ganz anderen Gründen war die Senatskanzlei dieser Tage ein wenig geschwächt. Wowereits persönlicher Büroleiter Volker Holtfrerich befand sich nämlich vorübergehend im Ausnahmezustand, und ohne verlässliche Büroleiter läuft die Schose nicht. Der Grund für die Aufregung, von der sich andere anstecken ließen, war immerhin ein sehr erfreulicher. Herr Holtfrerich ist Vater einer Tochter Emma geworden.

Der designierte CDU-Chef Christoph Stölzl ist ein eloquenter, phantasievoller und unterhaltsamer Mann. So überraschte er die Runde der CDU-Kreisvorsitzenden, mit der er die Zusammensetzung des Landesvorstandes besprach, mit einer amüsanten Metapher. Er stellte klar: „Stölzl ist Steffel.“ Nanu? Fraktionschef Frank Steffel, der selbst gern Landeschef geworden wäre, guckte zunächst verdutzt. Doch alles lachte herzlich über die Art des Appells, doch bitte an einem Strick zu ziehen. Plaudernd erzählte Stölzl, dass in seinem bayerischen Urlaubsort die Häuser nach dem Besitzer heißen: Sein Quartier ist immer das „Haus Steffel“.

Stattlich war die Reihe der Abgeordneten und Funktionäre von SPD, PDS und Grünen, die sich am 1. Mai in einer Kneipe am Oranienplatz im Kreuzberger Kiez einfand. Der Wirt heißt ja auch Andreas Matthae und ist stellvertretender SPD-Chef. Bei ihm gaben sich unter anderem SPD-Fraktionsgeschäftsführer Christian Gaebler, der PDS-Vize Udo Wolf, von den Grünen Wolfgang Wieland und Volker Ratzmann ein Stelldichein, um die Krawalle zu beobachten und über die Ursachen zu sinnieren. Auch Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer und Peter Grottian, Initiator der Initiative „Denk Mai Neu“ schauten vorbei, und Senator Peter Strieder schickte seine persönliche Referentin Ute Krüger. Von anderen neuralgischen Punkten gingen via Handy Berichte ein.

Klein ist die Welt. Grünen-Fraktionschef Wolfgang Wieland war mit seinem Fraktionsgeschäftsführer Rainer Felsberg und dessen Vorgänger Jürgen Wachsmuth im unteren Odertal auf Quartiersuche für die Fraktionsklausur Mitte August. Die drei klapperten mehrere Hotels ab und kehrten schließlich müde in einem Landgasthof ein. Zu ihrer Überraschung erkannten sie im Wirt einen ehemaligen Abgeordneten. Es ist Reinhart Schult, einstiger DDR-Dissident und 1989 Mitbegründer des Neuen Forums. Im ersten Gesamtberliner Abgeordnetenhaus gehörte er zur vierköpfigen Gruppe, die den Grünen nicht beigetreten war. Es war ein gemütliches Wiedersehen beim Plausch über die bewegten Zeiten, die schon wieder „alte Zeiten“ sind. Brigitte Grunert

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