Berlin : Der Tagesspiegel

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THEKENTANZ

Libido, Brunnenstraße 173, Mitte, Tel.: 44 31 76 60, geöffnet täglich ab 20 Uhr.

Schon wieder eine neue Bar in Mitte? Bitte nicht, hört man schon die Leser rufen, wie wär’s denn mal wieder mit Charlottenburg? Gern. Aber wo? Die interessanteste Neuvorstellung hat in diesem Frühjahr Mitte zu bieten. Tut dem drinking man wirklich leid.

Drei Säulen ragen in den Libido-Himmel. Schwarz, an der Decke rosettenartig ausfransend, erinnern sie an die Schornsteine der Schaufelraddampfer des Mississippi. Schnitt. Ein Teil der Sitzmöbel ähnelt überdimensionierten, schwarz lackierten Torten. Aber flach. Ein Stück fehlt, auf dem Rest kann sich ein Pärchen prima räkeln. Wer nur sitzen will, vermisst vielleicht die Rückenlehne. Schnitt. An der Wand hinter dem orange schimmernden Tresen zucken zwei Lichtsäulen im Takt der umherschallenden Musik. Noch ein Schnitt. An der Wand gegenüber dem Tresen zappeln symmetrische Muster. Dann folgt ein Kurzvideo, „Ich und Ich“, das einen leicht autistischen Single beim morgendlichen Aufrappeln zeigt.

Schnitt für Schnitt setzt sich diese Bar aus kantig aneinander knirschenden und doch originellen Stilelementen zusammen. Passend zum Experimental-Design ertönen die neuesten Club-Culture-Grooves. Wer nun besonders eingebildetes Personal erwartet hätten, irrt auf angenehme Weise. Rasch eilt ein jüngerer, studentischer Mensch herbei und bringt die Karte. Die auch einige Ungewöhnlichkeiten zu bieten hat.

Es gibt einen Mai Tai - der Ehrliche (weißer und brauner Rum, Curaçao, Zucker- und Mandelsirup, Limettensaft) und einen Mai Tai - der Gefällige (brauner Rum, Rum 73 Prozent, Apricot Brandy, Mandelsirup, Zucker, Rose’s Lime Juice, Limettensaft). Die compañera bestellte beim ersten Besuch den Ehrlichen - und war enttäuscht. Dieser Mai Tai war ein Lügner. Er sah aus wie ein Planter’s und schmeckte undefinierbar. Bei der zweiten Visite wagte sich die compañera an den Gefälligen heran. Und war auf Anhieb zufrieden. Ein Mai Tai, wie er sein muss, vielleicht hätte er allenfalls eine Spur süßer ausfallen können. Dennoch: nie wieder ehrlich.

Dem drinking man ging’s ähnlich. Anfangs war da der Singapore Sling, der nicht zu überzeugen vermochte, fünf Wochen später überraschte der Honolulu Juicer (Myer’s Rum, Southern Comfort, Rose’s Lime Juice, Zitrone, Ananassaft) – höchst angenehm. Mitte ist einfach nicht zu schlagen. Auch wenn der „Libido“, mal extrastreng betrachtet, der Lido – pardon, „Libido“- Bar in Prenzlauer Berg geklaut wurde. Frank Jansen

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