Berlin : Der Tagesspiegel

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Von Henning Kraudzun

Als „Bodensatz des Schwabenlandes“ sehen sich die Betreiber des Artenschutz-Theaters in der Lüneburger Straße. Das sich seit einem Jahr als intime Heimstätte schwäbischer Mundart etabliert. Albrecht Metzger und sein Theaterkompagnon Berthold Schöttle wollen dabei nicht nur den eigenen Dialekt verwursten, sondern auch „gefährdeten Lebens- und Kunstarten“ ein Podium bieten. Das heißt: Die ganze Woche schräges Programm.

Von Chorsängern bis zu subversiven Literaten nehmen sie ungewöhnliche Kulturspezies in ihrem kleinen Theater auf. „An erschte Stelle kummt bei uns aber der Schwabe zu Wort“, sagt Metzger. Die Häuslebauer hätten es in der neuen preußischen Heimat ja doppelt schwer. Einerseits könne sie wegen ihres Dialekts kaum jemand verstehen und andererseits fehlt ihnen in der Hauptstadt ein wenig die Bodenhaftung. „Deschhalb veranstalte wir einen großen Zungenkuss an die Heimad“, blödelt Metzger. Die sei nun einmal die große Liebe geblieben . Auf dem Karneval der Kulturen wollen sie erstmals das gesamte Spektrum baden- württembergischer Lebensart „zwischen Mikrochip und Maultasche“ präsentieren.

Metzger und Schöttle haben gleich zwei Wagen zur Karawane angemeldet, für jeden Landesteil einen. Sinngemäß lässt sich der badische Anhänger vom württembergischen Gefährt ziehen. Auf dem Anhänger steht, um das Klischee mal wieder zu bedienen, eine riesige Kuckucksuhr. Nach Schwarzwälder Vorbild, mit Dachschindeln und Tannenzapfen ringsherum. Dem nicht genug, wird sich Hans Studinger, Koch vom „Weitzmann“ nebenan, in die Uhr setzen und mit aufgesetzteM Pappschnabel seinen Dienst als Kuckuck verrichten.

Die Schwaben Schöttle und Metzger verkleiden sich hingegen als Maultaschen, tatkräftig unterstützt von zwei Bekannten, die als Trollinger-Flaschen herumtanzen. Das Quartett wird dann auf dem Wagen Songs der Stuttgarter Hip–Hop-Helden „Die Fantastischen Vier“ nachrappen, zwischendrin gibt es bodenständige Einschübe mit Guggenmusik. Das müsse schon ziemlich komisch aussehen, sagt Schöttle: „Wir als alde Säggel mache Hip Hop“ Zwei junggebliebene Frohnaturen, die „selbst über fünfzisch Jahre alt, net Anständiges gelernt haben."

Immerhin heißt es für die Artenschützer: „Selbst ist der Schwabe". Wie bei der Theatereinrichtung werden die Aufbauten für den Karneval selber gezimmert. Den ganzen Auftritt sponsert eine Familienbrauerei aus dem Schwarzwald. Abends soll dann in der Lüneburger Straße noch einmal richtig gefeiert werden, mit deftiger Schwaben-Baden-Kost, „für die Vegetarier gibt esch Wurschtsalat“, lacht Schöttle. Und wenn die Party am Brodeln ist, kramt Metzger seine Vinylsammlung hervor und bedient die Turntables. Damit dürfte er einer der ältesten Plattenaufleger Berlins sein, wieder ein Fall für den Artenschutz.

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