Berlin : Der Tagesspiegel

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TORTENSCHLACHT

Café Bravo, Auguststraße 69, Mitte. Täglich 10-24 Uhr, am Wochenende open end.

Kunst, hat Karl Valentin gesagt, ist schön, macht aber Arbeit. Kunst anzugucken ist fast so schön, macht aber müde und hungrig – und die Berliner Museen machen leider nicht satt. So viele spannende Ausstellungshallen, die Stadt (noch) zu bieten hat, die Kultur der Museumscafés ist grauenhaft unterentwickelt. Am schlimmsten in den Staatlichen Häusern – wer einmal im kleinen fensterlosen Keller-Selbstbedienungs-Café der Neuen Nationalgalerie saß, weiß, was ich meine. Der ergreift die Flucht und geht so erschöpft, wie er gekommen ist.

Zu den labenden Ausnahmen gehört das Café Bravo in den Kunst-Werken. Das ist selber Kunst: ein gläserner Würfel von Dan Graham, in dem man selbst bei Schnee und Regen das Gefühl hat, draußen zu sitzen: Wer hier, im Warmen, sitzt und seinen Kaffee, schön stark und cremig, trinkt, hat einen freien Blick in den Himmel. Nur ein bisschen eng kann es im Pavillon werden.

Aber sobald die Sonne scheint, sitzt man ohnehin draußen, ganz urban und wie auf dem Dorf – auf Kopfsteinpflaster unter Bäumen. Der Hof der früheren Margarinefabrik ist, berlinuntypisch, licht und hell, über Holzplanken führt der Weg von der Straße zum Café an Kieselsteinen vorbei. Auch wenn die Oranienburger Straße nur ein paar Schritte entfernt ist, fühlt man sich ganz weit weg von dem Rummel dort.

Der Kuchen ist so raffiniert wie die Architektur, einmal hab ich hier köstlichen Apfelrührteigkuchen gegessen, mit Creme und Mandeln obendrauf, diesmal gab es Mohnkuchen, Pflaumenstreusel- und Käsekuchen, sehr gehaltvoll und kompakt, aber gut, man konnte die Zitrone und den Quark rausschmecken. Nur der Kühlturm, in dem die Torten lagern, könnte ein bisschen wärmer gestellt werden. Wer isst seinen Kuchen schon gerne kalt? Und die Preise sind äußerst zivil, obwohl doch alles so hip und cool ist, die Zeitschriften ebenso wie das Publikum.

Doch, das Bravo hat seinen n verdient. Nur eins fehlte dem Café bei meinem letzten Besuch: die Eisenbahn. Die ist nämlich, im Spielzeugformat, immer um den Baum gefahren, ohne Pause zu machen, die wurde nie müde, und war selbstverständlich auch wieder Kunst. Die Schienen waren immer noch da, aber der Zug fehlte. Ich will meine Eisenbahn wieder haben! Susanne Kippenberger

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