Berlin : Der Tagesspiegel

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CONTRA

Bloß kein WM-TV in Büros! Stellen wir uns das mal vor, im Juni, vormittags in irgendeiner Formularantragssozial- zulassungsarbeitsberechtigungsbehörde: Hunderte Menschen warten auf Gängen, ärgern sich vielleicht, dass sie gerade im Fernsehen ein WM-Spiel versäumen. Sie vergleichen ihre vierstelligen Wartenummern, aber keine wird aufgerufen. Mindestens 90 Minuten lang hören die missgestimmten Leute hinter Amtstüren Jörg Wontorras stockende Stimme und zwischendurch das Gejohle oder Geschluchze der Beamten, wenn wieder einmal ein Tor gefallen ist.

Irgendwann macht einer die Tür auf, hält vielleicht eine Salzstange und ein Flaschenbier in den Händen und sagt: Nix da, gleich kommt das nächste Spiel im Fernsehen, dann ist Feierabend. Komm’ Se morgen! So oder ähnlich könnte gearbeitet werden, wenn Büros in und außerhalb von Behörden mit WM-TV-Geräten bestückt sind, weil Fußball die Welt regiert. Und nichts anderes neben sich duldet. Dann müssen Sekretärinnen den allseits beliebten Dudelfunk leiser stellen, die Fans drehn die mitgebrachte Zweitglotze auf, und die Arbeit, na ja, ist ja Fußball! Wie war das mit der Produktivität unserer Volkswirtschaft? Fans sollten WM-Urlaub machen und harmoniesüchtige Chefs kein Auge zudrücken. WM-TV am Arbeitsplatz kostet alle Beteiligten Nerven. Aber das Problem könnte sich schnell erledigen. Wenn unsere Jungs die nächste Runde nicht erreichen, dürften die TV-Geräte wieder aus den Büros verschwinden.Christian van Lessen

PRO

Ruft das Bundesverfassungsgericht an! Organisiert Demonstrationen gegen fußballfeindliche Arbeitgeber! Verlegt Japan und Südkorea nach Mitteleuropa! Oder wenigstens nach Amerika! Fußballbrüder und -schwestern aller Länder, vereinigt Euch!

Only live is life. Mal ehrlich: niemand kann von uns verlangen, dass wir uns den ganzen Tag die Ohren zustöpseln, nur um zu verhindern, dass uns irgendein fieser Kollege zuflüstert, wie das Spiel der Deutschen gerade ausgegangen ist. Nach den Spielen wollen wir alles noch einmal in der Zeitung lesen. Aber während der Spiele wollen wir dabei sein. Live. Sehen. Hören. Fühlen. Im Augenblick des Geschehens und nicht zeitversetzt. Wir wollen mit allen anderen, die nicht im Büro sitzen müssen, mitschreien, mitjubeln, mitweinen.

Unserer Arbeitsproduktivität wird das nicht schaden. Ganz im Gegenteil. Entweder hauen wir vor Freude schneller in die Tasten des Computers oder vor Wut. Auch das Betriebsklima kann davon nur besser werden. Das übliche Mobbing lässt sich durch kultivierte Wetten auf die eine oder andere Mannschaft ersetzen – zumindest dann, wenn Deutschland nicht mitspielt. Die gewöhnliche Grüppchenbildung wird durch eine klare Trennung der Belegschaft in Gut und Böse, sprich: in Fußballanhänger und Fußballmuffel ersetzt. Und Streikaufrufe irgendwelcher Gewerkschaften sind zum Scheitern verteilt. Fernseher oder wenigstens Radios am Arbeitsplatz sind deshalb ein Muss während der WM. Ansonsten – siehe oben! Sandra Dassler

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