Berlin : Der Tagesspiegel

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Von Stefan Jacobs

Die Kleinen werden die Größten sein. Zumindest an diesem Wochenende im Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) Wuhlheide. In dem Kulturhaus und im weitläufigen Park ringsum schraubten gestern noch Handwerker die Bühnen für die große Kindertagsparty zusammen. Das kaum überschaubare Angebot für die erwarteten 150 000 Besucher reicht von Bühnenshows über Bastelstände, Physik-Experimente, einem virtuellen Blick in Raumschiffe und Trickfilmbearbeitung bis hin zu Ökogarten, Badesee, Zirkus und einem Konzert der „Prinzen“ am späten Samstagnachmittag. Dieses Highlight kostet extra; ansonsten ist man mit einem Euro pro Person dabei.

Ein Euro ist ein kleiner Preis für heutige Verhältnisse – aber ein großes Symbol für das FEZ, in dem die meisten Veranstaltungen bisher gratis angeboten wurden. Das aus dem 1979 eröffneten „Pionierpalast Ernst Thälmann“ hervorgegangene FEZ muss sein Angebot einschränken und demnächst 31 von 117 Mitarbeitern entlassen, weil das Land allmählich den Geldhahn zudreht. Noch brummt es in dem verwinkelten Palast: Hinter Glasscheiben sieht man Kinder an Schiffsmodellen basteln, Theaterstücke üben, Raumkapseln besteigen und Computer programmieren. Fast all das gab es schon zu DDR-Zeiten, als alle den Palast „Pipala“ nannten und sich rund 400 Pädagogen und Techniker um die Gäste kümmerten. Natürlich ging es damals nicht ganz ohne antiimperialistischen Propagandakram, aber der Pipala verschaffte den Kindern kostenlos Arbeitsmaterial, das sonst auch für Geld kaum aufzutreiben war. Und Erfolgserlebnisse, die sie nirgendwo sonst bekommen konnten.

Eine solche Einrichtung gedeiht in einer sozialistischen Hauptstadt, aber nicht in einer bankrotten. Geschäftsführer Lutz-Stephan Mannkopf, ausgebildeter und mit seinem froschgrünen Hemd auch optisch Sozialpädagoge, grübelt, wie er mit weniger Menschen mehr Geld verdienen kann. Um 500 000 Euro will Mannkopf die Einnahmen erhöhen. Durch mehr Vermietungen wie die an den Elektronikkonzern Samsung, der seine letzte Weihnachtsfeier im FEZ veranstaltete, oder McDonald’s, das eine Firmenparty am Badesee buchte. Außerdem würden Sponsoren gesucht – und eben Eintrittsgelder kassiert. Man wolle sich „herantasten“ und sehen, wie viele Leute bereit sind, für die bisher meist kostenlosen Wochenendveranstaltungen zu bezahlen. Dieses Wochenende gilt als Test. Der Bummel durch den Park soll gratis bleiben; die Theater-, Faschings- und Konzertwochenenden nicht.

Über mangelnde Nachfrage kann sich das FEZ wahrlich nicht beklagen. Vormittags kommen Kindergruppen, nachmittags Schüler zu Arbeitsgemeinschaften (AGs), abends Sportler und an Wochenenden Familien – aus allen Stadtteilen, wie Mannkopf betont. Täglich sind Tausende auf dem Gelände: von wackelbeinigen Murkels bis zu halbstarken Skatern, von durchtrainierten Schwimmern bis zu spazierstöckelnden Rentnern.

„In unseren AGs macht das Kind vom Abteilungsleiter genauso mit wie das vom Sozialhilfeempfänger“, sagt Mannkopf. Verhaltensauffällige Jugendliche würden hier durch umgängliche Mitmenschen unbewusst erzogen, statt sich wie anderswo in „Problemkiez-Zentren“ mit der Clique zu treffen. Die AGs und offenen Angebote müssten nun gestrichen werden – 90 Angebote für 1300 Kinder pro Woche. Aus Mannkopfs Bürofenster sind Kletterwand und Badesee zu sehen. Am Strand wacht der Bademeister, der zuvor ausführlich von seinem Job geschwärmt hatte. Er ist seit 1979 dabei. Künftig werde es für Halle und Freibad zusammen nur noch vier Schwimmmeister geben, hatte er mit sorgenvoller Miene erzählt. Im Moment seien sie zu fünft. Jetzt warten sie darauf, wen es treffen wird. Aber heute wollen sie trotzdem groß feiern. Für die Kinder.

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